Die neue Smartwatch von Tag Heuer ist genial

Tuchfühlung mit der Tag Heuer Connected Modular 45: Diese Smartwatch ist mehr als nur smart.

von Simon Gröflin 15.03.2017

Im malerischen Brunnen SZ stellte Uhrenchef Jean-Claude Biver am Dienstag offiziell den Nachfolger der Tag Heuer Connected vor. Der Hafen in der Nähe der geschichtsträchtigen Rütli-Wiese wurde nicht ohne Gründe gewählt. Die «Connected Modular 45», wie sie nun heisst, wurde zu allen Teilen in der Intel-zertifizierten Werkststatt in La Chaux-de-Fonds zusammengebaut.

So sieht sie aus: die neue Tag Heuer Connected Modular 45 So sieht sie aus: die neue Tag Heuer Connected Modular 45 © Screenshot / PCtipp

Obwohl das neue Uhren-Stück mit der neusten Chip-Technologie aus dem Silicon Valley gewappnet ist, sei die neue Version, so Biver, eben eine echte Schweizer Uhr. Die Betonung auf «Swiss Made» gefiel Biver besonders, weil es einfacher von den Lippen geht als «Made in Switzerland». Das auch, weil dieses Logo neuerdings auf der Lünette der zweiten Smartwatch von Tag Heuer eingraviert ist.

Uhrenchef Jean-Claude Biver präsentierte persönlich die Tag Heuer Connected Modular 45 Uhrenchef Jean-Claude Biver präsentierte persönlich die Tag Heuer Connected Modular 45 © sgr / NMGZ

Modularität und nochmal Modularität

Wenn die elektronische Uhr ihr Lebensende erreicht hat, kann man wie beim Vorgänger das Smartwatch-Modul gegen ein analoges Uhrwerk auswechseln. Das können Kunden nun selber – mit dem ganzen Uhrenkorpus. Das Smartwatch-Modul mit einem Durchmesser von 45 mm lässt sich dazu durch zwei rückseitige Hebelchen aus den Bändern herausdrücken. Das Konzept der Modularität gilt auch für die Laschen, die Riemen und die zahlreichen Schnallen. Individuell kann man damit als Kunde durchaus sein. Allein beim Basismodell der smarten Einheit stehen 56 Varianten bis hin zu Diamantbestückungen zur Wahl.

Der «Schiffscontainer» in der Nähe am Hafen von Brunnen SZ füllte sich mit gefühlt 200 Journalisten gut.

Als reine Smartwatch bestellen kann man die Uhr ab einem Preis von Fr. 1690.–. Will man gleich ein mechanisches Austauschmodul dazu, muss man mit einem einem Startpreis von mindestens 4000 Franken rechnen. Für eine Luxusversion mit dem Chronographen-Modul müsste man bei ca. 17'900 Franken ein wenig tiefer in die Tasche greifen. Gegen oben gibt es natürlich keine Grenzen. 15'000 Smartwatches stünden per sofort zum Verkauf bereit, hat Jean-Claude Biver vor Ort gesagt.

Android Wear 2.0

Die Schweizer Uhr wird wieder von einem Intel-Atom-Prozessor (Z34XX-Serie) betrieben und arbeitet direkt ab Werk mit Android Wear 2.0. Eine zusätzlich optimierte «Companion»-App, um via WLAN und Bluetooth mit dem Smartphone zu kommunizieren, erscheine gegen Ende des Jahres auch für iOS. Eine frohe Botschaft gibt es auch für Besitzer der ersten Generation der Tag Heuer Connected. Diese wird laut Biver noch Ende Monat ein Software-Update mit all den neuen Features erhalten. Die Connected Modular 45 kann aber jetzt schon mit einem Mobiltelefon auf Android 4.3+ oder iOS 8.2+ synchronisiert werden. Auf der nächsten Seite fassen wir unsere Ersteindrücke zusammen.

Nächste Seite: Hands-On mit Tag Heuer Connected Modular 45

Android Pay per NFC möglich

Nebst Wi-Fi, GPS und einem NFC-Sensor für Zahlungen sind so ziemlich alle Sensoren an Bord. Sogar den Begriff «Android Pay» hat man beim Stichwort «NFC» in den Mund genommen. Das Google-Ambivalent zu Apple Pay funktioniert allerdings bis jetzt nur primär in USA, aber auch dann, wenn man eine Schweizer Kreditkarte hinterlegt hat. Was fehlt, ist eine Anbindung für SIM-Karten und ein Pulsmesser. Letzteren wollte Tag Heuer schon bei der ersten Uhr nicht einbauen, weil man diese Sensoren nach aktuellem Stand der Technik schlichtweg als zu unpräzis erachtet. Der sehr lichtdurchlässige 1,4-Zoll-Amoled-Bildschirm mit 400 mal 400 Bildpunkten kann wieder mit einer breiten Auswahl an eigenen, anpassbaren Zifferblättern brillieren. Ausser einer Speicherkapazität von 4 GB und einer Lithium-Batterie ist der modulare Neuling mit auch einem kleinen wasserdichten Mikrofon ausgestattet. Tauchen und Wasserski fahren seien übrigens kein Problem. Die Smartwatch ist bis auf 50 Meter wasserdicht.

In der Bilderstrecke unten fassen wir unsere Ersteindrücke zusammen.

Hands-on: Tag Heuer Connected Modular 45

Erstes Fazit

Die Connected Modular 45 brilliert mit Eleganz und nahezu grenzenloser Vielseitigkeit. Besonders beeindruckt sind wir vom kratzfesten und gut ausgeleuchteten Display, das mit seinem Durchmesser von 45 mm für ein «typisches Männerhandgelenk» nicht zu gross ist. Für Damen ist übrigens auf Oktober noch eine kleinere 39-Millimeter-Version geplant. Auch das Android-Betriebssystem läuft sehr flüssig. Offen bleibt die Frage, ob der Akku auch im Always-On-Betrieb für den ganzen Tag reicht. Es hat einfach weniger «Style», wenn man, nur um Energie zu sparen, das Smart-Uhren-Display ständig abdunkeln muss. Zumindest diese Erfahrung hatten wir durchaus mit dem Vorgänger gemacht. Das war dort insofern schade, als dass gerade die eigenen Ziffernblätter auf dem Top-Display im abgedunkelten Modus sehr authentisch aussahen. Intel bekundete, man habe in dieser Hinsicht tatsächlich Verbesserungen erzielt, verriet aber nicht, in welchem Betriebsmodus. Wir werden das in einem späteren Test überprüfen. Aber unter dem Strich ist die Tag Heuer Connected Modular 45 schlichtweg genial, weil zusätzlich zum reinen Wear 2.0 mehr Software-Funktionen und eigene Ziffernblätter integriert sind und die modulare Erweiterbarkeit keine Grenzen kennt. Das hat auch im Test sehr gut funktioniert. Man hat in weniger als zwei Minuten eine komplett neue Uhr zusammengesteckt.

Zum Schluss gab es Gruyère-Käse, ein Alphorn-Stück - und Kuhglocken Zum Schluss gab es Gruyère-Käse, ein Alphorn-Stück - und Kuhglocken © sgr / NMGZ

Ist die Smartwatch für Tag Heuer profitabel?

Anders als Apple legt Tag Heuer seine Zahlen offen. Von der ersten Tag-Heuer-Smartwatch gingen nicht weniger als 56'000 Stück über die Ladentheke. Auf die Frage an Jean-Claude Biver, ob denn die erste Smartwatch überhaupt profitabel war, stellte er uns Journalisten die Gegenfrage. «Ja – aber ist sie denn so profitabel wie eine mechanische Uhr? Nein, aber sie bringt uns eine völlig neue Kundenbasis.» Sobald die Smartwatch obsolet werde, sei sie das nun mal, konstatiert der Uhrenkenner. Aber man werde auch in 100 Jahren keine «echte Uhr» haben, die obsolet werde. Nur: Wovon lässt sich der Uhrenkonzern antreiben, wenn nicht von Apple und den anderen Smartwatch-Konkurrenten, die das Luxussegment für sich entdeckt haben? Diese Frage erachtete Biver als ein wenig «arrogant». Klar beobachte man, was die Konkurrenz treibe – aber im Moment schaue man lieber bei sich selber. Er nahm es auf die gewohnt lustige Art: «Wir hoffen eigentlich, dass Mitbewerber uns mit ähnlichen Ideen in die Fussstapfen treten werden». Natürlich nicht ohne Grund. So würde dem Uhrenkonzern eines Tages die Vorreiterrolle zufallen.