Test: iPhone 11 Pro (Max)

Es dreht sich alles um die Kameras. Und um die Batterie.

von Klaus Zellweger 08.10.2019

Es ist erstaunlich, wie es Apple immer wieder schafft, den Shopping-Nerv zu stimulieren. Mit dem iPhone X feierte das Ur-Smartphone ein würdiges 10-jähriges Jubiläum: die Face ID, das fast rahmenlose OLED und die Dual-Kamera machten es zum Objekt der Begierde. Alles hätte so schön sein können, doch mit dem iPhone XS kam auch das grosse «Max» für Leute, die von grossen Displays nicht genug bekommen – und von denen laufen viele herum.

Vier Farben, vier Versuchungen Vier Farben, vier Versuchungen © Apple, Inc.

Alles gut jetzt? Mitnichten. Mit dem iPhone 11 Pro (Max) legt Apple den Fokus auf die neue Triple-Kamera, eine stark überarbeitete Kamera-Software und neue Möglichkeiten für die Bearbeitung. Es kommt also nicht von ungefähr, dass sich die folgenden Zeilen eher wie ein Test zu einer Kamera lesen.

Die «Kamera» des iPhone 11 Pro besteht genau genommen aus deren drei mit unterschiedlichen Brennweiten. Zusammen verhalten sie sich jedoch wie ein einzelnes Zoom-Objektiv. Alle lösen mit 12 Mpx auf, aber damit haben sich die Gemeinsamkeiten auch schon erschöpft.

Das matte Finish sieht hinreissend aus und fühlt sich genauso gut und griffig an Das matte Finish sieht hinreissend aus und fühlt sich genauso gut und griffig an © PCtipp / ze

Nebenbei: Wir verwenden im Folgenden nicht die tatsächliche Brennweite, sondern die Entsprechung bei Kleinbild-Filmen (35 Millimeter), um der Denkweise gestandener Fotografen entgegenzukommen.

13 Millimeter Ultra-Weitwinkel

Das «Ultra-Weitwinkel» erzeugt ein Sichtfeld von 120 Grad. Es empfiehlt sich (natürlich) für Landschaften, enge Räume oder hohe Gebäude, an deren Fusse man steht. Ein solches Objektiv gehört in das Arsenal aller ernsthaften Fotografen; ansonsten müssten breite Motive als Panoramas abgelichtet werden und die können bekanntlich in die Hose gehen.

Das 13-Millimeter-Weitwinkel ist eine enorme Bereicherung Das 13-Millimeter-Weitwinkel ist eine enorme Bereicherung © PCtipp / ze

Apropos «Panorama»: Ein Panorama mit dem 13-Millimeter-Weitwinkel schafft um ein Haar eine 360-Grad-Ansicht; es fehlen auf dem Display nur wenige Millimeter. Die Auflösung beträgt übrigens 42 Mpx, die Wartezeit null Sekunden. Bei den anderen beiden Objektiven reichen die Panoramen nicht ganz so weit, dafür sind sie mit bis zu 63 Mpx aufgelöst.

Einmal im Kreis: Ein Panorama mit dem Ultra-Weitwinkel Einmal im Kreis: Ein Panorama mit dem Ultra-Weitwinkel © PCtipp / ze

Stürzende Linien. Wer schon einmal mit einer regulären Kamera und einem solchen Objektiv fotografiert hat, weiss, dass perspektivische Verzerrungen so unvermeidbar sind wie Thanos – was sich besonders an den Rändern bemerkbar macht (siehe Schwarzweiss-Bild oben). Hingegen gibt es keinen Tonneneffekt, wie er bei solchen Objektiven gerne sichtbar wird.

Kein Rohformat. Diese Verzerrungen werden durch die Kamera-Software so gut als möglich kompensiert. Doch weil eben diese Software daran herummacht, sind mit diesem Objektiv keine Aufnahmen im Rohformat möglich. (Den Ausdruck «RAW» verkneife ich mir an dieser Stelle aus Gründen.)

Stabilisierung und Nachtmodus. Das Ultra-Weitwinkel wird als einziges Modul nur digital, aber nicht optisch stabilisiert. Das spielt in der Praxis jedoch eine untergeordnete Rolle, weil Verwackelungen vor allem bei längeren Brennweiten ein Thema sind. Ausserdem unterstützt die 13-Millimeter-Linse den neuen Nachtmodus nicht. (Dazu später mehr.)

Geschickte Zweitverwertung. Das Ultra-Weitwinkel bietet einen cleveren Zusatznutzen: Es zeigt bei der Fotografie mit den anderen beiden Kameras mehr von der Szene, während die Bedienelemente das Bild transparent überlagern. Der tatsächliche Ausschnitt des gewählten Objektivs ist dabei deutlich markiert. Das sieht zum Anbeissen aus:

Die transparenten Bedienelemente fügen sich nahtlos in das Bild ein Die transparenten Bedienelemente fügen sich nahtlos in das Bild ein © PCtipp / ze

Neue Editierfunktionen. Die Kamera-App hat zahlreiche neue Möglichkeiten zur Bildoptimierung erhalten – zu viele, um sie hier aufzuzählen. Erwähnt sei jedoch das neue Werkzeug, um die stürzenden Linien bei diesen Weitwinkel-Aufnahmen zu korrigieren.

Die Perspektive-Korrektur verhilft Gebäuden zu einem aufrechten Dasein Die Perspektive-Korrektur verhilft Gebäuden zu einem aufrechten Dasein © PCtipp / ze

Tipp: Wenn Ihnen diese Korrektur der stürzenden Linien zu rudimentär daherkommt, versuchen Sie die hervorragende App SKRWT.

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Kameras und Objektive

26- und 52-Millimeter-Objektiv. Wenig geändert hat sich beim moderaten Weitwinkel mit 26 Millimeter und dem Normalobjektiv mit 52 Millimeter – abgesehen davon, dass die maximale Blendenöffnung jetzt bei ƒ/1,8 respektive ƒ/2,0 liegt. Apple spricht übrigens im Zusammenhang mit dem Normalobjektiv erstmals von einem «Tele», aber hier wird jeder Fotograf widersprechen: Ein Tele beginnt nach gängiger Definition frühestens bei einer Brennweite von 70 Millimeter.

Die simulierten Studiobeleuchtungen (links) und die variable Unschärfe sind besser denn je Die simulierten Studiobeleuchtungen (links) und die variable Unschärfe sind besser denn je © PCtipp / ze

Beide Objektive sind sowohl digital als auch optisch stabilisiert, was besonders den Videos zugutekommt.

Selfie-Kamera für Slofies. Die Frontkamera wurde deutlich aufgewertet und lichtet den Besitzer nun mit 12 Mpx und einem grösseren Sichtfeld ab. Auch diese Kamera zeichnet nun in 4K mit bis zu 60 fps auf, sowie in Zeitlupe! Das scheint den Verantwortlichen bei Apple so gut zu gefallen, dass just der Begriff «Slofie» (für Slow-mo-Selfie) ins Leben gerufen und für den Markenschutz angemeldet wurde. Auch ein Marketing-Video wurde für die Keynote gebastelt, dem es an einem selbstironischen Unterton nicht mangelt:

Die Kamera-App

Die Kamera ist kaum mehr wiederzuerkennen – und das gilt nicht nur für die drei Linsen, sondern auch für die Standard-App. Das Bedienkonzept wurde so verfeinert, dass es praktisch keine Kanten mehr zu schleifen gibt, vom verschlimmbesserten Burst-Modus abgesehen. Es braucht sehr gute Gründe, eine Drittanbieter-App zu verwenden.

Zoom. Das Zoom funktioniert jetzt noch griffiger, indem etwas länger auf das gewünschte Objektiv gedrückt wird, bis das Zoom-Rad erscheint. Der 2×-Zoom ist deutlich markiert, danach geht es digital weiter bis zur 10fachen Brennweite. Das muss man sich erst einmal verinnerlichen: Das iPhone 11 Pro bietet also ein optisches 13–52-Millimeter Zoom! Gibt es irgendeinen Kamerahersteller auf der Welt mit einer solchen Brennweite im Sortiment? Vermutlich nicht.

Das Zoomrad ist noch griffiger geworden und funktioniert auch bei Videos weich und gleichmässig Das Zoomrad ist noch griffiger geworden und funktioniert auch bei Videos weich und gleichmässig © PCtipp / ze

Nachträgliche Komposition. Auf Wunsch nimmt das iPhone mit dem Ultra-Weitwinkel mehr von der Umgebung auf, als die verwendete Kamera erfasst (Bild links), zu erkennen an einem winzigen Symbol in der rechten oberen Ecke (Mitte). Während der folgenden 30 Tage lässt sich der Ausschnitt mit dem Messer nachträglich in der Fotos-App korrigieren (rechts), danach werden die zusätzlichen Daten automatisch verworfen, um Speicherplatz zu sparen.

Der Ausschnitt lässt sich bei Fotos und Videos nachträglich ändern Der Ausschnitt lässt sich bei Fotos und Videos nachträglich ändern © PCtipp / ze

Weitwinkel-Porträts. Die Porträt-Funktion unterstützt jetzt auch das Weitwinkel. (Aber nicht das Ultra-Weitwinkel.) Damit steigen die Möglichkeiten für die Bildkomposition sprunghaft an.

Neue Bedienelemente. Jede Ecke der Kamera- und Fotos-App wirkt neu, feingeschliffen und auf Hochglanz poliert. Dazu kommen neue Werkzeuge für Vignetten, perspektivische Korrekturen und mehr. Keine Neuerung ist für sich genommen spektakulär – aber alle zusammen bringen frischen Wind in das Thema. Geblieben ist hingegen die fast schon spielerische Einfachheit im Umgang mit den Korrekturen.

Die Kamera-App wirkt wie neu und bringt einen frischen Wind in die Bedienung Die Kamera-App wirkt wie neu und bringt einen frischen Wind in die Bedienung © PCtipp / ze

Vermasselter Burst-Mode. Eigentlich ist das Update rundherum gelungen, mit einer Ausnahme – und wenn man dem Internet glauben darf, bin ich nicht der einzige, der genervt ist. Denn bekanntlich gehört der Burst-Mode zu den wichtigsten Eigenschaften der Kamera: Er schiesst in einer endlosen Folge 10 Bilder pro Sekunde; danach hilft die App, die besten Fotos auszuwählen. Der Burst-Mode wurde bis anhin ausgelöst, indem der Auslöser einfach etwas länger gedrückt wird. Kaum jemand wird bestreiten, dass diese Bedienung die natürlichste Sache der Welt ist.

Doch neu wird der Burst Mode ausgelöst, indem die Auslöse-Taste auf dem Display (!) gedrückt und nach links oder oben bewegt wird! Ein längerer Druck auf den Auslöser führt hingegen dazu, dass beim Fotografieren ohne Umweg ein Video geschossen werden kann. Es bleibt nur die Hoffnung, dass Apple diese Eselei rückgängig macht.

Das hätte es nicht gebraucht: Der Burst-Modus ist zu einer Wischgeste verkommen Das hätte es nicht gebraucht: Der Burst-Modus ist zu einer Wischgeste verkommen © PCtipp / ze

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Der Nachtmodus

Der Nachtmodus ist vermutlich die herausragende Neuheit beim iPhone 11 Pro und begeistert auf der ganzen Linie. Mehr noch: Er definiert neu, was ich einer Kamera im Dunkeln zutraue. Vergessen Sie alles, was Sie von der herkömmlichen Fotografie über ISO-Werte, Bildrauschen oder Verwackeln wissen.

Dieser Modus lässt sich nicht einschalten, sondern aktiviert sich bei Bedarf automatisch. Dabei versteht er sich wirklich als Nachtmodus und nicht als «Das-ist-aber-ein-wenig-düster-hier»-Modus. Das hier ist zum Beispiel eine Aufnahme, die ohne Nachtmodus geschossen wurde:

Nein, das Foto wurde nicht im Nachtmodus aufgenommen; dafür ist es zu wenig dunkel Nein, das Foto wurde nicht im Nachtmodus aufgenommen; dafür ist es zu wenig dunkel © PCtipp / ze

Wenn der Nachtmodus in Aktion tritt, ist das am oberen Displayrand an seinem Symbol zu erkennen. Dieses zeigt ausserdem, wie lange die Kamera stillgehalten werden soll. Während dieser Zeit schiesst das iPhone 11 Pro mehrere Bilder mit kurzer Belichtungszeit und eines mit langer Belichtungszeit. Diese werden dann zu einem neuen Bild mit den besten Informationen aus jeder Aufnahme zusammengesetzt.

Der Nachtmodus schaltet sich automatisch zu Der Nachtmodus schaltet sich automatisch zu © PCtipp / ze

Die Langzeitaufnahme dauert normalerweise bis zu drei Sekunden. Mehr will die Kamera dem Fotografen auch nicht zumuten. Stellt das iPhone jedoch mithilfe seiner Gyrosensoren fest, dass es auf einem Stativ steht, wird die Langzeitbelichtung ausgedehnt, um eine noch bessere Qualität zu erzielen. Ein Tippen auf das Symbol ermöglicht es ausserdem, die Langzeitbelichtung manuell auf bis zu 30 Sekunden zu verlängern.

Das Resultat sind Bilder, die so ziemlich alles in den Schatten stellen, was ich bis heute mit klassischen Kameras erreicht habe, denn die sind schnell am Anschlag: Nahezu zappenduster? Freihandaufnahme? Keine Chance mit einer regulären Kamera. Und wenn doch, dann muss die Empfindlichkeit auf irgendeinen abstrusen Wert wie 102’400 ISO hochgeschraubt werden, was das Foto erst recht in einem bunt gestreuten Pixelmatsch ersaufen lässt.

Dabei mutet das Fotografieren mit dem iPhone 11 Pro fast schon unwirklich an. Das Display zeigt mehr oder weniger nur einen ruckeligen, unscharfen Pixelmatsch an, wenn der Auschnitt zurechtgerückt wird.

Im Display sieht alles nach Fiakso aus Im Display sieht alles nach Fiakso aus © PCtipp / ze

Nach drei Sekunden Stillhalten übertrifft das Resultat die Erwartungen. Besonders gut gefällt, dass das iPhone 11 Pro nicht versucht, die Nacht zum Tag zu machen: Das hier ist definitiv eine Nachtaufnahme. Die Belichtung und die Feinheiten der Sträucher und das Auto links im Bild erzeugen eine authentische Stimmung, wie sie zum Zeitpunkt der Aufnahme geherrscht hat.

Drei Sekunden später hat die Software ihre Wirkung entfaltet Drei Sekunden später hat die Software ihre Wirkung entfaltet © PCtipp / ze

Und auch die Details überzeugen. Die Exifdaten weisen eine Belichtungszeit von 1/4 Sekunde bei 1000 ISO und Blende ƒ/1.8 aus. Versuchen Sie eine solche Freihand-Aufnahme mit keiner regulären Kamera, es kann nur mit einer Enttäuschung enden. Hier noch ein vergrösserter Ausschnitt:

Das ist mit einer regulären Kamera mit einer Freihand-Aufnahme nicht zu schaffen Das ist mit einer regulären Kamera mit einer Freihand-Aufnahme nicht zu schaffen © PCtipp / ze

Kurz: Der Nachtmodus des iPhone 11 Pro ändert einfach alles. Dabei erstaunt, wie viele Farben und Details die Kamera aus dem Motiv herauskitzelt, bis hin zu Spitzlichtern in künstlichen Lichtquellen.

Kontraste und Farben sind hervorragend, die Lichtstimmung durch das Fenster im Hintergrund ausgewogen und natürlich Kontraste und Farben sind hervorragend, die Lichtstimmung durch das Fenster im Hintergrund ausgewogen und natürlich © PCtipp / ze

Deep Fusion

Als diese Zeilen geschrieben wurden, war die Funktion «Deep Fusion» nicht viel mehr als ein Marketing-Begriff. Einiges wissen wir jedoch schon.

Diese Funktion fällt genauso in den Bereich «computational photography», wie der Nachtmodus. Doch sie verfolgt ein anderes Ziel, nämlich mehr Schärfe und Auflösung. Die Kamera schiesst dabei vier Bilder mit sehr kurzer Belichtungszeit, noch bevor der Auslöser gedrückt wird. Beim Auslösen wird eine Aufnahme mit einer etwas längeren Belichtungszeit geschossen, gefolgt von vier weiteren schnellen Aufnahmen. Anschliessend setzt das iPhone diese neun Aufnahmen zu einem 24-Mpx-Foto zusammen, das – wenn man Apple glauben will – Smartphone-Fotos in einer nie gekannten Schärfe zeigt. Wohl aus diesem Grund tragen die Models auf den Pressefotos auch alle Pullover, weil sich daran die Schärfe besonders gut prüfen lässt.

Marketing-Chef Phil Schiller erklärt, warum Pullover und Hipster-Bärte mit Deep Fusion so gut aussehen Marketing-Chef Phil Schiller erklärt, warum Pullover und Hipster-Bärte mit Deep Fusion so gut aussehen © Apple, Inc.

Deep Fusion wird noch in diesem Jahr als kostenloses Software-Update für das iPhone 11 Pro nachgereicht. Und nachdem wir gesehen haben, was der Nachtmodus leistet, ist die Vorfreude so hoch wie die Erwartungshaltung.

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Videos

Seit das iPhone in 4K filmt, hat sich das Thema «klassischer Camcorder» für mich erledigt – also seit dem iPhone 6s. Die Filme wirken butterweich, mit einer hervorragenden Helligkeitsverteilung, wunderschönen Farben und kräftigen Kontrasten. Für die Interessierten: Die Filme lagern bei uns auf dem NAS im Keller und werden über Apple TV auf den Fernseher geholt, wobei als Software Infuse Pro 6 zum Einsatz kommt – das vielleicht beste Mediacenter überhaupt.

Das iPhone 6s filmte in 4K mit 30 fps. Das iPhone Xs vom Vorjahr schaffte hingegen 4K in 60 fps bei regulären Aufnahmen oder zeichnet in HDR auf, wenn die Bildrate auf 30 fps reduziert wird. Hätte Apple die Videofunktion beim iPhone 11 Pro unangetastet gelassen, ich wäre damit so zufrieden gewesen wie eh und je.

Stattdessen wurde noch einmal eine grosse Schippe draufgelegt. Man könnte zwar behaupten, dass die Videofunktion jene der Mitbewerber in den Schatten stellt – aber das trifft es nicht ganz: Das iPhone 11 Pro zieht bei der Videofunktionen alle anderen Smartphones am Nasenring durch die Manege. Hier wird sichtbar, wozu die neue A13-CPU in der Lage ist.

Kraftakt auf vielen Ebenen

Die Eckdaten verharren zwar bei 4K und 60 fps, doch neu wird immer mit erhöhtem Dynamikumfang (HDR) gefilmt. Dabei wird wie bis anhin das HEVC-Format (H.265) verwendet, das eine optimale Qualität bei geringem Speicherbedarf ermöglicht.

Editieren. Neu ist auch die Möglichkeit, die Videos direkt in der Kamera-App zurechtzuschneiden, einen Filter anzuwenden, die Perspektive zu korrigieren und vieles mehr. Was auf ein Foto angewendet werden kann, funktioniert auch mit Videos. Und genau wie bei den Standbildern ist es auch hier möglich, jederzeit zur ursprünglichen Fassung zurückzukehren.

Sieht aus wie ein Foto, ist aber ein Video, das sich direkt in der Kamera-App aufbretzeln lässt Sieht aus wie ein Foto, ist aber ein Video, das sich direkt in der Kamera-App aufbretzeln lässt © PCtipp / ze

Stabilisierung. Beim Weitwinkel- und beim Normalobjektiv werden die Videos gleichzeitig optisch und digital stabilisiert. Die digitale Stabilisierung funktioniert sogar in 4K mit HDR!

Aufnahmedauer. Wenn Sie bereits mit konventionellen Fotoapparaten oder anderen Smartphones gefilmt haben, dann wissen Sie, dass die Aufnahmedauer bei hohen Auflösungen beschränkt ist. Der Sensor erhitzt, das Bildrauschen nimmt zu und irgendwann schaltet sich die Kamera aus reinem Selbsterhaltungstrieb ab. Die Werte werden üblicherweise nach etwa fünf Minuten kritisch, spätestens aber nach zehn – und das ist viel zu wenig, um eine Trauungszeremonie oder einen Vortrag vollumfänglich aufzunehmen. Das iPhone 11 Pro hat weder eine Beschränkung dieser Art noch wird es auffällig wärmer.

Mehrere Streams. Die wirklich extremen Dinge spielen sich jedoch bei der Drittanbieter-App «FiLMiC Pro» ab. Sie wird in der Lage sein, vier (!) Videostreams mit dem iPhone 11 Pro gleichzeitig aufzuzeichnen: nämlich von allen drei hinteren Kameras sowie der Frontkamera. Alle Filme tragen ausserdem denselben Zeitstempel, damit die punktgenaue Nachbearbeitung erleichtert wird. So wird in einen Atemzug die Totale aufgezeichnet, die Halbtotale sowie eine Nahaufnahme. Ausserdem ist bei Interviews  der Gastgeber gleich mit auf dem Video. Und so weiter.

Bis zu vier Streams werden parallel mit FiLMiC Pro aufgenommen Bis zu vier Streams werden parallel mit FiLMiC Pro aufgenommen © Screenshot / ze

Dieser Kraftakt von FiLMiC Pro wurde während der Keynote gezeigt, doch die Funktion erscheint erst im Verlauf dieses Jahres in der App. Dem Vernehmen nach werden bis zu zwei Streams in 4K aufgezeichnet, bei drei oder vier Streams beträgt die Auflösung noch Full-HD. FiLMiC Pro kostet 15 Franken.

Audio-Zoom. Und zuletzt noch eine Neuigkeit für Videografen, die auf eine möglichst realistische Tonkulisse wertlegen: Wird während der Videoaufnahme am Zoomrad gedreht und auf das Geschehen fokussiert, zieht das Mikrofon mit, reduziert den Ton der Umgebung und sorgt damit für ein authentisches Filmerlebnis.

QuickTake

Manchmal kommen sie wieder: Unter der Bezeichnung «QuickTake» verkaufte Apple zwischen 1994 und 1997 eigene Digitalkameras, bis Steve Jobs nach seiner Rückkehr den Stecker zog.

QuickTake: So sahen die Digitalkameras von Apple am Ende des letzten Jahrtausends aus QuickTake: So sahen die Digitalkameras von Apple am Ende des letzten Jahrtausends aus © Wikipedia

Jetzt erwacht die Marke im iPhone 11 Pro zu neuem Leben. Mit QuickTake ist eine Funktion gemeint, mit der die Kamera auch ausserhalb des Filmmodus ein Video dreht – einfach indem der Auslöser gedrückt bleibt. Damit kommt Apple der Instagram-Schar entgegen, die vielleicht nur ein Foto schiessen will, bevor es plötzlich spannend genug für einen Film wird. Oder so ähnlich. Die Auflösung entspricht jedoch etwas kruden 1920×1440 Pixel bei 30 fps.

Schwacher Videoschnitt bei Apple

Leider erlaubt sich Apple eine unverständliche Schwäche beim Videoschnitt. Zwar kann iMovie für iOS die Videos problemlos schneiden, aber nur in 4K mit 30 fps exportieren. Die anderen 30 fps wären zwar vorhanden, werden aber einfach verworfen. Mehr noch: Das Projekt lässt sich zwar in der vollen Auflösung an iMovie auf dem Mac weiterreichen, aber von dort aus ebenfalls nur mit 30 fps exportieren. Abhilfe schaffen nur die beiden Mac-Profiprogramme Final Cut Pro (300 Franken) in Verbindung mit Compressor (48 Franken), die ein iMovie-Projekt nach seinem Schnitt importieren können.

Tipp: Das wird so manches private Videobudget sprengen. Wenn Sie unterwegs also 4K-Videos nicht nur schneiden, sondern auch mit 60 fps in HEVC ausgeben möchten, greifen Sie zu LumaFusion, das noch viele weitere Funktionen bietet, von denen iMovie-Anwender nur träumen können. Die App gibt es für iPhones und iPads, wobei der Videoschnitt auf dem kleinen Display des iPhones erstaunlich gut funktioniert; da wurde also viel Hirnschmalz in die Oberfläche investiert.

LumaFusion schneidet alles und exportiert in 4K mit 60 fps im HEVC-Format LumaFusion schneidet alles und exportiert in 4K mit 60 fps im HEVC-Format © Screenshot / ze

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Netzteil & Batterie

Zum iPhone 11 Pro gehört ein 18-Watt-Netzteil, das schnelles Laden unterstützt. Interessantes Detail am Rande: Das iPhone wird zwar weiterhin über Lightning verbunden, aber am anderen Ende des Kabels wartet eine USB-C-Buchse. Demzufolge gehört zum Lieferumfang auch ein USB-C-zu-Lightning-Kabel. Das ist gut für unterwegs, aber durch das drahtlose Laden via Qi treten solche Aspekte immer mehr in den Hintergrund.

Sieh an; hat das iPhone also doch noch USB-C bekommen … irgendwie Sieh an; hat das iPhone also doch noch USB-C bekommen … irgendwie © PCtipp / ze

Das lässt sich von der Batterie nicht behaupten, sie bleibt eines der wichtigsten Themen. Und das iPhone 11 Pro liefert! Apple spricht davon, dass sie bis zu vier Stunden länger hält, als jene im direkten Vorgänger, dem iPhone XS. Das liegt nicht nur an der Batterie selbst, sondern an den schnelleren, genügsameren Prozessoren und an einem optimierten Power-Management.

Ich zähle mich zu den moderaten Benutzern, die eher selten spielen und auch noch anderes zu tun haben, als auf dem iPhone Videos zu schneiden. Im Rahmen dieses Testes wurde das Gerät jedoch stärker als sonst beansprucht – und zeigte am Ende des Tages 50 Prozent bis 75 Prozent Restkapazität! Die Bedürfnisse sind natürlich verschieden, aber irgendwie hat die Batterie ihre Nebenfunktion als Schreckgespenst verloren.

Leistung

Über die Leistung zu reden, wirkt etwas müssig, denn der neue A13 «Bionic» lässt seine Muskeln bei jeder Gelegenheit spielen: bei aufwendigen Games, der Videofunktion oder der Bildbearbeitung. Wenn Sie Ihr eigenes Gerät mit der kostenlosen Benchmark-Software Antutu für iOS und Android vergleichen möchten: Das getestet iPhone 11 Pro «Max» brachte es auf ziemlich genau 450’000 Punkte.

Mit dem genauso kostenlosen Geekbench 5 für iOS und Android schaffte es der Zählerstand im wichtigeren Single-Core Test auf 1334 Punkte respektive auf 3390 Punkte (Multi-Core).

Die Resultate von AnTuTu (links) und GeekBench 5 sprechen eine deutliche Sprache Die Resultate von AnTuTu (links) und GeekBench 5 sprechen eine deutliche Sprache © PCtipp / ze

Geekbench hat sich auf Benchmarks spezialisiert, die sich möglichst unabhängig von der Geräteklasse anwenden lassen. Deshalb hier noch eine Bonusinformation: Das aktuelle, nicht eben langsame MacBook Pro mit seinem 1,4 GHz Core i5 schafft es auf gerade einmal auf 950 Punkte (Single-Core) respektive 4165 Punkte (Multi-Core)!

Das iPhone bietet dem aktuellen MacBook Pro paroli Das iPhone bietet dem aktuellen MacBook Pro paroli © PCtipp / ze

Verbindungen und der neue U1-Chip

Das iPhone 11 Pro unterstützt das brandneue Wi-Fi 6, aber kein 5G. Bluetooth 5 wiederum arbeitet neu mit Beamforming, richtet sich also auf die Quelle aus und erhöht so die Reichweite – gemäss Apple auf über 40 Meter, aber das haben wir nicht getestet.

Interessanter ist der neue U1-Chip, der über «spatial awareness» verfügt, was sich etwa mit «Raumgefühl» übersetzen lässt. Das iPhone weiss dadurch genau, wo sich die anderen Geräte mit U1-Chip befinden. Apple propagiert dazu die Möglichkeit, dass sich Daten via AirDrop leichter und mit hoher Geschwindigkeit übertragen lassen, indem man mit seinem iPhone einfach auf das betroffene Gegenüber zeigt. Doch die Anwendungen gehen weit darüber hinaus, etwa durch Schlüsselfinder, Smart-Home-Geräte und mehr. Doch zurzeit ist das noch Zukunftsmusik.

Dabei verbraucht diese Verbindung extrem wenig Energie. Das macht sie auch für Geräte interessant, die wenig Strom benötigen und mit einer Batterie vielleicht monatelang funktionieren müssen. Diese Technologie ist übrigens kein Apple-Süppchen, sondern wird von der Ultra Wideband Alliance getragen.

Nächste Seite: Fazit

Diese Kamera!

«Die Kamera des iPhones ist jetzt so gut, dass sich damit eine normale Kamera ersetzen lässt.» Wenn mich die Erinnerung nicht narrt, ist dieser Spruch beim iPhone 4 zum ersten Mal aufgekommen und wurde dann mit jeder neuen iPhone-Generation wortgetreu heruntergebetet. Die Ansprüche sind natürlich verschieden, aber mir hat das iPhone nie als Kamera-Ersatz gereicht – von den hervorragenden Videos abgesehen.

Mit dem iPhone 11 Pro dreht der Wind in die andere Richtung. Das Ultra-Weitwinkel erlaubt ganz neue Perspektiven. Die Videos sind tatsächlich noch besser geworden. Vor allem sind mit den Nachtmodus neu Aufnahmen möglich, die mit klassischen Kameras nicht zu bewältigen sind. Und nur der Himmel und Apple wissen, wozu das angekündigte «Deep Fusion» fähig ist. Ich muss deshalb in den Kanon einstimmen: «Die Kamera des iPhones 11 Pro ist so gut, dass sich damit eine normale Kamera ersetzen lässt.»

Zielgruppe

Wer mit einem älteren Gerät als einem iPhone X unterwegs ist, auf den wartet ein Kulturschock: Die vielen Verbesserungen und Feinheiten sorgen dafür, dass das iPhone 11 Pro wie eine neue Gerätekategorie wirkt, bis unters Display gefüllt mit Zückerchen. Die Empfehlung ist entsprechend einfach: unbedingt updaten.

Ab dem iPhone X ist es wohl für die meisten Interessenten die Kamera, die den Ausschlag gibt – aber auch die Möglichkeit, mit dem «Max» auf ein grösseres Display aufzusteigen.

Wenn Sie hingegen bereits ein iPhone XS besitzen, können Sie diese Generation getrost auslassen – wenn Sie sich nichts aus der Fotografie machen. Falls doch, wird es sehr schwierig, dem Sirenengesang des iPhone 11 Pro zu widerstehen.

Aufwendige Spiele, grafisch geknackt: Der A13 «Fusion» sorgt für die nötige Leistung Aufwendige Spiele, grafisch geknackt: Der A13 «Fusion» sorgt für die nötige Leistung © Apple, Inc.

Zwei Tipps noch für Kaufwillige:

Farbe. Die Farbe «Nachtgrün» sollten Sie zuerst in natura sehen, bevor Sie ein solches Gerät bestellen. Dem Vernehmen nach stürzen sich alle auf diese Ausführung; vermutlich auch, weil sie neu ist. Für meinen Geschmack ist sie jedoch einen Tick zu düster, zu schmutzig und zu militärisch. Aber das ist natürlich Geschmacksache.

Cover. Zum iPhone 11 Pro (Max) bietet Apple das transparente Clear Case an. Lassen Sie es. Diese Hülle definiert den Begriff «glitschig» neu und befindet sich auf Augenhöhe mit einer nassen Seife. Ausserdem ruiniert die glänzende Oberfläche das edle, matte Finish der Rückseite so nachhaltig, dass Sie gleich zu einer bunten Hülle greifen können.

Fazit

Das iPhone 11 Pro (Max) ist ein beeindruckendes Stück Technik und in seinen Details nicht weniger revolutionär, als es das iPhone X vor zwei Jahren war. Die Kamera ist eine Wucht, das Tempo überragend. Die neu gestaltete Kamera-App und iOS 13 tragen ihren Teil dazu bei, dass der Umgang mit diesem Gerät einfach nur Freude macht – und zwar sehr viel Freude.

Apple iPhone 11 Pro (Max)

Positiv:
Kamera, Tempo, Software, Design, Display, Face ID, mitgelieferte Software
Negativ:
Bedienung Burst-Mode
Details:
OLED-Display mit 5.8 oder 6.5 Zoll bei 458 ppi, Kontrastverhältnis 2 Mio:1, 800 Nits bis 1200 Nits (HDR), Farbraum P3, CPU Apple A13 «Fusion», Tripple-Kamera mit 13 / 26 / 52 Millimeter bei 12 Mpx, Videos in 4K mit 60 fps und HDR, wasserdicht gemäss IP68 klassifiziert (30 Minuten in 7 Meter Tiefe), Wi-Fi 6, Bluetooth 5.0 mit Beamforming, iOS 13
Strassenpreis:
ab 1199 Franken (5,8 Zoll, 64 GB)
Info:
apple.com/chde
PCtipp-Bewertung:
5 Sterne

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