Test: Capture One 20

Wenn ein RAW-Bearbeiter fast alles kann, verbessert man die Oberfläche – so wie hier.

von Klaus Zellweger 23.03.2020

Capture One gilt seit Jahren als beste Alternative zu Adobe Lightroom – und für viele Fotografen sogar als die bessere Wahl. Mit ihrer Flexibilität, der hervorragenden Farbwiedergabe und der flexiblen Oberfläche schart diese RAW-Software eine breite Anhängerschaft um sich.

Capture One 20 ist sehr viel zugänglicher, als es auf den ersten Blick scheint Capture One 20 ist sehr viel zugänglicher, als es auf den ersten Blick scheint © PCtipp / ze

Knackpunkt: die Oberfläche

Es ist aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass der erste Kontakt leer schlucken lässt. Unzählige Regler und Schalter lassen die Hoffnung schwinden, dass der Einstieg in nützlicher Frist gelingt. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Die Werkzeuge von Capture One 20 sind logisch gruppiert. Sie lassen sich ausserdem beliebig ausblenden, herumschieben und neu anordnen, sodass jeder Topf seinen Deckel findet. Sie benötigen kein Register für das Tethering? Weg damit! Das Panel für die Rauschunterdrückung ist am falschen Ort? Verschieben Sie es dorthin, wie Sie es praktischer finden – oder legen Sie an beliebigen Orten weitere Kopien davon ab.

Die Anordnung der Werkzeuge ist nur als Vorschlag zu verstehen Die Anordnung der Werkzeuge ist nur als Vorschlag zu verstehen © PCtipp / ze

Paletten. Falls die zahlreichen Paletten nicht mehr auf das Display passen, werden sie mit dem Mausrad durchgeblättert. Neu ist die Möglichkeit, ausgesuchte Werkzeuge am oberen Displayrand anzuheften, sodass sie immer sichtbar bleiben – was zum Beispiel beim Histogramm sehr nützlich ist.

Regler und Messer. Die Regler sind jetzt griffiger, die Einstellungen logischer. So lassen sich Schatten in zwei Richtungen aufhellen oder abdunkeln, während die Vorgänger nur in eine Richtung funktionierten, nämlich in Richtung der Wiederherstellung. Das Messer für den Beschnitt zeigt auffällige Anfasser; beim Vorgänger waren die Kanten kaum zu sehen und so mancher arme Fotografen wurde dabei fast in den Wahnsinn getrieben. Das sind tolle, aber auch überfällige Optimierungen.

So toll wie überfällig: Endlich sind die Anfasser beim Messer deutlich sichtbar So toll wie überfällig: Endlich sind die Anfasser beim Messer deutlich sichtbar © PCtipp / ze

Rauschunterdrückung. Ein bedingungsloses Lob verdient die neue Rauschunterdrückung. Sie produziert nicht nur deutlich bessere Resultate, sondern liefert auch eine höhere Farbtreue. Je nach Motiv sind die Unterschiede zu Capture One Pro 12 geradezu erschlagend! Um diese Vorzüge auch in älteren Katalogen zu nutzen, müssen die Bilder mit dem neusten RAW-Prozessor («Engine») von Capture One 20 erneut entwickelt werden, was jedoch genau einen Knopfdruck lang dauert:

Die Rauschunterdrückung der neuen RAW-Engine ist ein gewaltiger Schritt vorwärts Die Rauschunterdrückung der neuen RAW-Engine ist ein gewaltiger Schritt vorwärts © PCtipp / ze

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Tempo

Was Capture One 20 auszeichnet, ist das enorme Tempo der Software. Damit sind weniger die rechenintensiven Aufgaben wie der Export von 2000 Fotos gemeint, sondern die Bearbeitung an sich. Wenn zum Beispiel ein anderes Kameraprofi oder ein Style angewählt wird, dann ist das Resultat in der Vorschau sichtbar, sobald der Mauszeiger über dem Befehl steht. Auch das Zuschneiden und Drehen von Fotos wurde spürbar beschleunigt.

Die neue Farbkorrektur

Die Farbkorrektur gehört zu den wichtigsten Aufgaben bei der Bildverarbeitung. Der mächtige Farbeditor ist deshalb seit jeher ein Aushängeschild von Capture One. Auch in der neusten Version unterteilt er sich in die Bereiche «Basisdaten», «Erweitert» und «Hautton». Allerdings wurde die Basisversion deutlich aufgemöbelt und vereinfacht, was nicht nur Einsteigern gefällt.

Der Farbeditor war schon immer mächtig – und jetzt ist er auch einfacher zu bedienen Der Farbeditor war schon immer mächtig – und jetzt ist er auch einfacher zu bedienen © PCtipp / ze

So wird mit der neuen Pipette einfach ein Bildteil angeklickt und die Maustaste gedrückt gehalten, damit anschliessend durch eine Mausbewegung die Sättigung, der Farbton oder die Helligkeit manipuliert werden – je nachdem, in welche Richtung der Mauszeiger geschoben wird. Damit sind partielle Farbkorrekturen am Himmel, an Kleidern oder Gegenständen ein Kinderspiel, ohne dass ein Regler angefasst wird.

Ebenen und Masken

Zu den besten Eigenschaften in Capture One 20 gehören die Ebenen, wie man sie aus der klassischen Bildverarbeitung à la Photoshop kennt. Eine Ebene enthält Farbkorrekturen, Retuschen und andere Einstellungen, die sich bei Bedarf verlustfrei anpassen oder löschen lassen.

Jede Ebene lässt sich ausserdem maskieren, um gezielt ein Bildteil zu bearbeiten. Mehr noch: Wird mit dem Farbeditor zuerst eine Farbe ausgewählt, kann diese Auswahl in eine maskierte Ebene verwandelt und danach weiterbearbeitet werden – auf eine Weise, die weit über die Farbkorrektur hinausgeht. Kurz, allein diese Eigenschaften sorgen dafür, dass die Wechsel zu Photoshop oder einer anderen Bildverarbeitung selten werden.

Die Masken werden automatisch erstellt und gehören zu den Highlights von Capture One 20 Die Masken werden automatisch erstellt und gehören zu den Highlights von Capture One 20 © PCtipp / ze

Diese Ebenen lassen sich neu samt Maske und Einstellungen kopieren und auf andere Bilder übertragen – ohne dass dabei die bereits bestehenden Korrekturen überschrieben oder verändert werden. Laut PhaseOne gehört diese Neuerung zu den am meisten nachgefragten Funktionen überhaupt.

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Hilfe für Lightroom-Umsteiger

Die Oberfläche von Capture One 20 ist also wie Kaugummi, und das ist ohne Vorbehalt positiv gemeint. Mehr noch: Die individuellen Arbeitsumgebungen lassen sich speichern und auf Knopfdruck abrufen. Diese Gelegenheit nutzt Capture One 20, um Lightroom-Anwendern den Umstieg ein wenig zu erleichtern: Eine der mitgelieferten Umgebungen imitiert Lightroom, indem die Paletten und Anzeigen so angeordnet werden, wie man es vom Adobe-Produkt kennt. Diese Einstellung wird ganz unschuldig «Migration» genannt.

So sieht es aus, wenn Capture One 20 den Erzfeind Lightroom imitiert So sieht es aus, wenn Capture One 20 den Erzfeind Lightroom imitiert © PCtipp / ze

Das hilft in der ersten Zeit tatsächlich – aber Sie werden sehr schnell feststellen, dass dank der flexiblen Oberfläche noch sehr viel Luft nach oben ist. Nach kurzer Zeit werden Sie eigene Wege beschreiten und die Lightroom-Umgebung vergessen.

Wenn Sie hingegen Ihre RAW-Archive von Lightroom zu Capture One transferieren wollen, präsentiert sich die Situation anders. Wie alle RAW-Converter arbeiten auch Lightroom und Capture One verlustfrei. Das heisst, die RAW-Originale bleiben unangetastet. Stattdessen werden alle Modifikationen, Schlagworte und mehr in einer Datenbank eingetragen – und die gilt es zu konvertieren.

Capture One 20 kann die Kataloge von Lightroom mit wenigen Klicks importieren. Dabei werden Informationen wie die Bewertung, Etiketten, Schlagworte, IPTC-Daten und einige rudimentäre Einstellungen übernommen, wie zum Beispiel der Weissabgleich, die Belichtung oder die Sättigung.

Nicht übernommen werden hingegen komplexe Änderungen wie Masken oder punktuelle Korrekturen. Ebenfalls unterschlagen werden Einstellungen, die unterschiedlich interpretiert werden. Wenn Sie in Lightroom am Regler für die Klarheit schrauben, erzeugen Sie damit nicht dieselben Ergebnisse wie in Capture One 20 – und umgekehrt. Darum werden solche Informationen auch nicht übernommen.

Unter dem Strich lässt sich Folgendes festhalten: Die Lightroom-Kataloge werden zum grössten Teil übernommen, solange es die Verwaltung der Fotos betrifft. Hingegen werden Sie ein Bild in Capture One in den meisten Fällen neu entwickeln müssen, bevor Sie es weitergeben können.

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Lohnt sich der Aufstieg?

Nach Capture One Pro 12 kommt Capture One 20. Das «Pro» ist verschwunden und die Nummerierung orientiert sich jetzt an der Jahreszahl. Doch obwohl gleich sieben Generationen übersprungen wurden, halten sich die Neuerungen in Grenzen. Die verbesserte Rauschunterdrückung und der neue Farbeditor sind die herausragenden Merkmale, die allein das Upgrade rechtfertigen können. Die verbesserten Ebenen werden ebenfalls gerne genommen und der Feinschliff an der Oberfläche war überfällig. Doch wer sich bis jetzt mit Capture One Pro arrangiert hat und der neuen Rauschreduzierung nichts abgewinnt, kann diese Karawane an sich vorbeiziehen lassen – eine gewisse mentale Stärke vorausgesetzt.

Geld: jetzt wird es kompliziert

Doch wenn Sie Capture One 20 kaufen oder aufrüsten möchten, explodieren die Optionen, weil es so viele Bezahlformen gibt.

Einmaliger Kauf. Die erste Wahl für Fotografen, die mit Abos nichts am Hut haben. Eine neue, zeitlich unlimitierte Vollversion von Capture One 20 kostet einmalig 326 Franken. Das Upgrade schlägt mit 174 Franken zu Buche.

Abo. Im Abo fahren Sie am günstigsten mit dem Jahresplan, der komplett im Voraus bezahlt wird: 197 Franken. Wenn Sie hingegen die Freiheit suchen, das Abo monatlich zu kündigen, kostet das 27 Franken pro Monat oder 324 Franken pro Jahr.

Vermutlich wird Capture One auch in Zukunft etwa im Jahrestakt aktualisiert. Deshalb kann man es drehen und wenden, wie man will: Wenn Sie gewillt sind, mit Capture One eine langfristige Beziehung einzugehen und immer mit der neusten Version arbeiten möchten, laufen die Kosten etwa auf dasselbe hinaus.

Deshalb ist die Kaufversion wahrscheinlich die bessere Wahl: Die erste Anschaffung ist deutlich teurer. Doch wenn Sie in einem Jahr ein weiteres Upgrade machen, befinden Sie sich etwa in derselben Preisklasse wie mit dem Abo. Allerdings steht es Ihnen dann frei, Capture One 21 zu überspringen und damit Geld zu sparen.

Diese Rechnung gilt jedoch nicht mehr, wenn PhaseOne in Zukunft neue grosse Funktionen für die Abonnenten einbaut und sie den Käufern der Vollversion bis zur nächsten grossen Versionsnummer vorenthält – so wie es Adobe bereit in der Vergangenheit gemacht hat.

Gratis: Fujifilm und Sony. Aber es geht noch weiter. Wenn Sie mit einer Fujifilm- oder Sony-Kamera fotografieren, finden Sie unter dieser Adresse das kostenlose Capture One Express. Es bietet viele Funktionen der Vollversion, doch es arbeitet nur mit RAW-Dateien dieser beiden Kamerahersteller zusammen.

Dabei wird auf die Feinheiten der Systeme geachtet. Sowohl bei den RAW-Dateien von Sony als auch von Fujifilm lassen sich die jeweiligen JPEG-Profile anwenden – und das bedeutet im Fall von Fujifilm: unwiderstehliche Farben durch die fast schon legendären Filmsimulationen.

Die Filmsimulationen von Fujifilm und die JPEG-Farben von Sony lassen sich auf die RAW-Dateien übertragen Die Filmsimulationen von Fujifilm und die JPEG-Farben von Sony lassen sich auf die RAW-Dateien übertragen © PCtipp / ze

Die Qualität der RAW-Umsetzung unterscheidet sich nicht von der «grossen Version». Das gilt allerdings nicht für den Funktionsumfang. Dieser wurde beschnitten – und natürlich genau dort, wo es wehtut. Genauer: Dieser Version fehlen fast alle Werkzeuge, welche die Vollversion so attraktiv machen: die Ebenen, die Korrektur der Hauttöne, die anpassbare Oberfläche, das gediegene Filmkorn … also all die Eigenheiten, die bei Capture One 20 den Kaufreflex auslösen. Eine Tabelle mit der Übersicht finden Sie hier.

Doch nicht gratis. Als wäre das nicht genug, können Fujifilm- und Sony-Fotografen einen Mittelweg beschreiten. Für beide Systeme steht eine Vollversion zur Auswahl, die ausnahmslos jede Funktion beherrscht – aber auch hier nur mit den RAW-Dateien der jeweiligen Kamera zusammenarbeitet. Diese Ausgaben kosten einmalig 141 Franken oder 11 Franken pro Monat. Dieser Preis ist heiss! Aber nur, wenn Sie sicher sind, dass Sie keine RAW-Dateien aus anderen Kameras bearbeiten werden.

Tipp: keine Styles

Auf der Seite mit den Preisen werden Sie zu jedem Angebot eine erweiterte Version sehen, die auch «Styles» umfasst. Dabei handelt es sich um Voreinstellungen, mit denen Sie auf Knopfdruck eine ganz neue Bildstimmung erzeugen können. Diese Styles von Capture One mögen ihre Berechtigung haben, aber die Resultate sind oft ein wenig mau. Auf jeden Fall schiesst Hersteller PhaseOne mit einem Preis von rund 120 Franken über das Ziel hinaus.

Sparen Sie sich das Geld und investieren Sie stattdessen etwa 80 Franken in die hervorragenden Styles von RNI Films. Oder suchen Sie im Web nach «gratis styles capture one» – Sie werden zahlreiche Websites finden, die als Muster ihrer Arbeit oder «einfach so» Styles verschenken.

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Zusammenfassung

Capture One 20 ist eine Software ohne Tadel und gehört mit zum Besten, was sich ein Fotograf antun kann. Die Oberfläche scheint nach einer kurzen Einarbeitungszeit glasklar, die Umsetzung der RAW-Dateien ist hervorragend und die Farbkorrekturen setzen weiterhin Massstäbe. Und weil die Preisgestaltung jede Vorliebe berücksichtigt (bis hin zur Gratisversion für Fujifilm- und Sony-Kameras), finden Sie bestimmt einen risikoarmen Einstieg, der zu Ihren Anforderungen passt.

Die automatische Korrektur lässt sich gezielt beschränken oder erweitern Die automatische Korrektur lässt sich gezielt beschränken oder erweitern © PCtipp / ze

Was wir vermissen, ist ein Konzept für die mobile Bearbeitung mit dem iPad, so wie es Adobe mit Lightroom vormacht. Es wäre schön, wenn die Fotos unterwegs in das Apple-Tablet geschoben werden könnten, wo sie sich unterwegs sichten, bewerten oder ausmisten lassen. Davon ist bei Capture One leider nichts zu sehen, was der Desktop-Software jedoch keinen Abbruch tut.

Fazit

Capture One 20 kombiniert eine hohe Leistung mit einer gelungenen Oberfläche und einem moderaten Preis. Für ambitionierte Amateure und erst recht für Profis ist zumindest ein Blick auf die Demoversion Pflicht – es kann sich nur lohnen.

Capture One 20

Positiv:
Tempo, Oberfläche, Farbkorrekturen, Qualität, Zahlungsoptionen
Negativ:
Keine iPad-Version
Details:
Ab macOS 10.13, ab Windows 7 SP1 64-bit, Deutsch
Strassenpreis:
Fr. 326.– (einmalig) oder ab Fr. 22.– pro Monat (Abo)
Info:
captureone.com
PCtipp-Bewertung:
5 Sterne

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