Test: Apple iPhone Xs (Max)

Die Messlatte für die Mitbewerber hängt jetzt 6,5 Zoll höher.

von Klaus Zellweger 26.09.2018

Es war das iPhone X, das vor einem Jahr die alten Zöpfe abschnitt: OLED-Display statt LCD, Gesichtsscanner statt Fingerscanner und eine radikal überarbeitete Gestensteuerung. Das sorgte für viel Begeisterung, aber auch ein wenig für Unruhe unter den gestandenen iPhone-Anwendern. Das neue iPhone Xs ist nun der direkte Nachfolger, der die Kontinuität zurückbringt. Doch unter der Haube hat sich viel getan.

Displays, an denen man sich kaum sattsehen kann Displays, an denen man sich kaum sattsehen kann

Der grosse Bruder

Der offensichtlichste Unterschied zum letzten Jahr ist das iPhone Xs «Max», das mit dem mächtigen 6,5-Zoll-OLED-Display die Blicke auf sich zieht. Dieses randlose Design nach allen Seiten ist gleichzeitig eines der Erkennungsmerkmale der X-Serie. Die Pixeldichte beträgt bei beiden Geräten 458 ppi. Das iPhone Xs benötigt dazu eine Auflösung von 2436 × 1125 Pixeln, das grosse iPhone Xs «Max» von 2688 × 1242 Pixeln.

Doch trotz seiner Grösse liegt das iPhone Xs «Max» hervorragend in der Hand. Die Oberfläche aus Edelstahl und Glas bietet deutlich mehr Halt als die Aluminiumgehäuse vergangener iPhones. Garantierter Nebeneffekt: Bereits nach zwei Minuten wirkt das kleine iPhone X(s) geradezu mickerig.

Das iPhone Xs «Max» wirkt riesig und gleichzeitig kompakt, was dem nahezu randlosen Display zu verdanken ist Das iPhone Xs «Max» wirkt riesig und gleichzeitig kompakt, was dem nahezu randlosen Display zu verdanken ist © PCtipp / ze

Tipp: Kleine Entscheidungshilfe am Rande: Beim iPhone Xs «Max» bieten diverse Apps wie Kalender oder Kontakte eine alternative, umfangreichere Darstellung im Querformat.

Mit der Display-Grösse haben sich die Unterschiede bereits erschöpft, denn zum ersten Mal in der Geschichte des iPhones befinden sich Gross und Klein technisch auf Augenhöhe: bei den Kameras, dem Tempo und auch bei den anderen Eigenschaften. Der einzige Abweichler ist der grössere Akku im iPhone Xs «Max». Und deshalb gilt dieser Test ohne Einschränkungen für beide Modelle.

Feinheiten des Displays

Bleiben wir noch ein wenig beim OLED-Display. Es wirkt aus jedem Blickwinkel einfach nur perfekt, mit hervorragenden Kontrasten und tiefen Schwarzwerten. Die Verteilung der Helligkeit ist vom Zentrum bis in den letzten Winkel makellos und frei von jeglichen Abweichungen. Gerade auf dem grossen iPhone Xs «Max» saugt es die Aufmerksamkeit des Betrachters förmlich in sich hinein. Jedes Display wird bereits im Werk kalibriert, sodass eine konsistente Ansicht auf allen Apple-Geräten gewährleistet ist.

Dumm gelaufen: Ein kleines, aber feines Detail: Das Display lässt sich mit polarisierenden Sonnenbrillen im Hoch- und Querformat gleichermassen gut ablesen. (Natürlich habe ich vor Kurzem meine geliebten polarisierenden Gläser gegen konventionelle tauschen lassen, weil das Ablesen der Karten-App im Auto zu anstrengend wurde. Aber das musste ja so kommen.)

Kurz, dieses Display ist eine Wucht. Doch wenn Sie es technischer mögen, lesen Sie den Bericht der Spezialisten von DisplayMate, die mit den Superlativen nur so um sich werfen:

Die Spezialisten von DisplayMate sind des Lobes voll Die Spezialisten von DisplayMate sind des Lobes voll © Screenshot / ze

Widerstand. Laut Apple sind die Gläser auf der Vorder- und Rückseite die widerstandfähigsten der ganzen Branche. Das lassen wir einfach so stehen. Aber wer von Euch ohne Hemmungen ist, der werfe den ersten Stein.

HDR. Das Display ist HDR-tauglich und unterstützt sowohl HDR10 als auch Dolby Vision. Apple verspricht einen um 60 Prozent vergrösserten Dynamikumfang.

P3-Farbraum. Das Display deckt den kompletten erweiterten Farbraum P3 ab – das heisst, mehr darstellbare Farben und deshalb realistischere Bilder.

Fotos in HEIF. Dieser Farbraum ist nichts Abstraktes, sondern bietet handfeste Vorteile, etwa bei der lebendigen Darstellung von Fotos, die mit der iPhone-Kamera aufgenommen wurden. Diese unterstützt ebenfalls den erweiterten Farbraum – allerdings nur, wenn im «High Efficiency Image Format» (HEIF) fotografiert wird. Mehr zu HEIF erfahren Sie hier im Test zum iPhone 8.

TrueTone. Die TrueTone-Funktion ist bei iOS-Geräten nicht neu – aber so überzeugend, dass sie trotzdem erwähnt werden muss. Zusätzliche Sensoren des iPhones messen die Farbtemperatur des Umgebungslichts und passen die Darstellung auf dem Display an – genauso, wie sich ein weisses Blatt Papier verhalten würde. Das führt zu einer viel angenehmeren Darstellung, besonders bei gedämpftem Licht. Die Funktion lässt sich ausschalten, aber das würde an Masochismus grenzen.

Das TrueTone-Display (rechts aktiviert) gehört mit zu den besten Eigenschaften Das TrueTone-Display (rechts aktiviert) gehört mit zu den besten Eigenschaften © PCtipp / ze

120-Hz-Abtastung. Diese Eigenschaft bedeutet leider nicht, was man auf den ersten Blick vermuten könnte. Sie bedeutet, dass bei Berührungen das Display mit 120 Hz abgetastet wird. Das erhöht den Realismus während der Interaktion, wenn zum Beispiel Gesten ausgeführt werden. Leider bedeutet es nicht, dass das Display mit 120 Hz Wiederholrate aufgebaut wird, wie es bei den aktuellen iPad-Pro-Modellen der Fall ist – und das liegt auch daran, dass die OLED-Displays noch nicht so weit sind.

Was noch?

Besseres Stereo. Der Stereo-Sound ist deutlich besser geworden und schallt mit neuer Kraft aus dem Gerät. Wenn etwas von links nach rechts durchs Bild rauscht, ist das überdeutlich zu hören.

IP68. Das iPhone Xs ist offiziell nach IP68 abgedichtet. Das bedeutet, dass es in zwei Metern Tiefe während 30 Minuten keinen Schaden nimmt. Allerdings stapelt Apple in dieser Beziehung gern tief, sodass vermutlich noch einiges an Reserve drin liegt. Ausserdem gilt dieser Zeitrahmen auch für Flüssigkeiten, die von diesem Standard eigentlich ausgenommen sind, wie zum Beispiel Bier und – vor allem! – Salzwasser.

Das iPhone Xs ist sogar gegen Bier abgedichtet: Apples Marketingchef Phil Schiller an der Keynote Das iPhone Xs ist sogar gegen Bier abgedichtet: Apples Marketingchef Phil Schiller an der Keynote © Screenshot / ze

Face ID. Der Gesichtsscanner «Face ID» wurde beschleunigt, allerdings spricht Apple hier nicht von «Face ID 2». Vermutlich bezieht sich das Steigerung auf die Auswertung der TrueDepth-Kamera. Mehr Tempo ist immer gut – allerdings ist mir noch kein iPhone-X-Besitzer untergekommen, der mit der bestehenden Face ID nicht restlos zufrieden gewesen wäre.

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Dual-SIM für Weltenbummler

Das iPhone Xs ist das erste iPhone mit Dual-SIM. Allerdings gibt es einige Besonderheiten zu beachten. In China wird das iPhone Xs mit einem Schacht für zwei SIM-Karten ausgeliefert; in allen anderen Regionen der Welt passt weiterhin nur eine SIM-Karte rein; die zweite SIM ist Apples eSIM, die nur als Chip existiert und bereits im iPad oder der Apple Watch zu finden ist.

Doch warum diese Unterschiede? In den Augen von Apple gehört der eSIM die Zukunft. (Das Ende der leidigen SIM-Karte wünschen sich wohl die meisten von uns.) Dass die Geräte in einigen asiatischen Ländern zwei physische SIM-Karten fassen, ist den Regulierungen geschuldet, lies: Die eSIM ist dort nicht zulässig.

In der Schweiz ist aktuell kein Provider in der Lage, eine eSIM freizuschalten, doch das dürfte sich bald ändern. Es eilt auch nicht, denn die eSIM im Gerät ist noch in keinem Land aktiv; das wird Apple erst im Verlauf des Jahres mit einem Software-Update ändern.

Dann wird es auch möglich sein, die eSIM nur für Datenkontingente zu aktivieren. Dazu muss im Ausland auf dem iPhone lediglich die Einstellung «Mobiles Netz» geöffnet und ein Datenplan ausgewählt werden, so wie es heute bereits mit den iPad-Pro-Modellen mit integrierter SIM-Karte möglich ist:

So wird es auch mit dem iPhone Xs laufen: Mit der eSIM wird im Ausland ein Datenkontingent in einer Minute gekauft – ohne physische SIM-Karte So wird es auch mit dem iPhone Xs laufen: Mit der eSIM wird im Ausland ein Datenkontingent in einer Minute gekauft – ohne physische SIM-Karte

Tempo

Im iPhone Xs pumpt der neue «A12 Bionic», Apples Vorzeige-Chip der neusten Generation. Der Schwerpunkt lag dieses Jahr auf den allgegenwärtigen Themen Augmented Reality und Machine Learning. Zu den Kernelementen des 7-Nanometer-Chips gehört die Neural Engine, die unterdessen fast überall ihre Finger im Spiel hat: Bei AR-Anwendungen, bei der Optimierung der Fotos oder bei den 3D-Memojis, mit denen sich das Gesicht des Benutzers in Echtzeit austauschen lässt, etwa bei Videochats – und das inklusive Gesichtszüge und Mimik.

Die «Animojis» (links) sind vordefinierte Charaktere und schon seit dem iPhone X bekannt; die «Memojis» sind hingegen neu, lassen sich selber gestalten und widerspiegeln das Antlitz des Benutzers bis zu den Sommersprossen Die «Animojis» (links) sind vordefinierte Charaktere und schon seit dem iPhone X bekannt; die «Memojis» sind hingegen neu, lassen sich selber gestalten und widerspiegeln das Antlitz des Benutzers bis zu den Sommersprossen © Screenshot / ze

Die Zahlen, die Apple dabei ins Spiel bringt, sind schwindelerregend: Zusammen mit dem neuen Achtkern-Design des A12 liefert die Neural Engine ganze 5 Billionen Operationen pro Sekunde, während jene des A11 letztes Jahr «nur» 600 Milliarden Operationen lieferte. Das entspricht einer Steigerung von fast 900 Prozent in einem Jahr – und von Leistungssprüngen hört man im Bereich der Chipfertigung nicht alle Tage.

Aus einem Guss: Apples A12 «Bionic» Aus einem Guss: Apples A12 «Bionic» © Screenshot / ze

Für Alltagsaufgaben verspricht Apple etwa 50 Prozent weniger Energieverbrauch bei den vier Kernen, die auf Effizienz getrimmt sind. Die beiden Hochleistungskerne sind um 15 Prozent schneller geworden, die Grafikeinheit (GPU) um etwa 50 Prozent. Und hier noch die Werte aus Geekbench (links) und dem kostenlosen AnTuTu für all jene, die solche Benchmark-Messungen mögen und mit ihrem eigenen Smartphone vergleichen möchten:

Geekbench (links) und AnTuTu sind sich einig: Der A12 «Bionic» lässt alle Konkurrenten hinter sich Geekbench (links) und AnTuTu sind sich einig: Der A12 «Bionic» lässt alle Konkurrenten hinter sich © Screenshot / ze

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Die Kameras

Natürlich ist die Kamera das wichtigste Alleinstellungsmerkmal der iPhones. Gemäss Apple ist das iPhone die erfolgreichste Kamera der Welt, und diese vollmundige Behauptung lässt sich sogar einfach beweisen: Auf «Flickr», einer der grössten Foto-Plattformen, werden die ersten fünf Plätze ausnahmslos von iPhones eigenommen – und zwar nicht nur bei den Smartphones, sondern über alle Kameras hinweg. Das macht Apple zum erfolgreichsten Kamerahersteller der Welt – und das verpflichtet:

Die erfolgreichsten Kameras, der erfolgreichste Kamerahersteller: Apple in der Bringschuld Die erfolgreichsten Kameras, der erfolgreichste Kamerahersteller: Apple in der Bringschuld © Screenshot / ze

Kaum Unterschiede bei der Optik

Bei den Kameras der iPhone Xs («Max») spielen sich die Unterschiede zum Vorgänger sowohl auf der Software- als auch auf der Hardware-Ebene ab.

Objektive. Alle Kameras entsprechen in weiten Teilen jenen im iPhone X. Das Weitwinkel ist ein wenig weiter geworden; umgerechnet auf Kleinbild beträgt die Brennweite jetzt 26 Millimeter statt 28 Millimeter. Die zweite Kamera verharrt bei der Normalbrennweite von 51 Millimetern.

Sensor. Allerdings ist der Sensor und damit die Pixelgrösse angewachsen, nämlich von 1,22 µm auf 1,4 µm, was der Bildqualität bei schwachem Licht zum Vorteil gereicht. Beide Objektive sind optisch stabilisiert, was nicht nur schärfere Fotos im Dämmerlicht, sondern auch massgeblich beruhigte Freihandvideos ermöglicht.

So weit, so bekannt. Die wirklichen Verbesserungen spielen sich auf Software-Ebene ab.

Schon wieder: die Neural Engine

Die Signalverarbeitung von Apple gehörte schon immer zu den herausragenden Eigenschaften des iPhones: Sie greift unmittelbar nach der Aufnahme ein, zerlegt das Bild in Segmente und optimiert diese einzeln, erstellt HDR-Fotos und mehr – und das alles mit zehn Bildern pro Sekunde und in unlimitierter Menge.

Die Neural Engine beeinflusst die Signalverarbeitung massgeblich und greift überall dort ein, wo es kniffelig wird – etwa beim Porträt-Effekt, wenn das Gesicht vom Hintergrund isoliert werden soll. Oder bei der verbesserten Gesichtserkennung oder bei der Bewältigung extremer Kontraste oder bei der Optimierung der Tonwerte. Und so weiter.

Mithilfe der «Neural Engine» wird jede Aufnahme mit fast schon chirurgischer Präzision zerpflückt Mithilfe der «Neural Engine» wird jede Aufnahme mit fast schon chirurgischer Präzision zerpflückt © Screenshot / ze

Smart HDR

Zu den besonderen Neuerungen gehört die Funktion «Smart HDR». Sie puffert bei jeder Aufnahme vier Bilder mit unterschiedlicher Belichtung – und das in so kurzen Abständen, dass selbst bei Action-Aufnahmen keine Schlieren («Ghosting») zu sehen sind, auch wenn sich das Motiv schnell bewegt. Werden die Bilder gebraucht, umso besser; wenn nicht, wird der Inhalt des Puffers verworfen.

Unter dem Strich heisst das, dass Sie die Smart-HDR-Funktion immer nutzen können und nie einen Gedanken darüber verlieren müssen – stets in der Gewissheit, dass das iPhone Xs extreme Lichtsituationen nicht nur meistert, sondern trotz HDR natürlich wirken lässt. In der ersten Zeit werden Sie es wahrscheinlich nicht lassen können, absichtlich den extremsten Kontrasten nachzurennen:

Einfach draufhalten, auch wenn die Sonne im Bild ist, … Einfach draufhalten, auch wenn die Sonne im Bild ist, … © PCtipp / ze

… denn das iPhone wirds schon richten … denn das iPhone wirds schon richten © PCtipp / ze

HDR-Videos

Es kommt noch besser: Sogar 4K-Videos profitieren von der Smart-HDR-Funktion, und zwar automatisch. Die maximale Aufnahmequalität liegt bei der 4K-Auflösung mit enormen 60 fps. Wird die Bildrate in den Einstellungen auf 30 fps reduziert, kann das iPhone Xs im Hintergrund weitere 30 fps mit unterschiedlicher Belichtung aufnehmen, um den Kontrastumfang zu optimieren. All das geschieht vollautomatisch, in Echtzeit und ohne Zutun des Benutzers. Die Videos werden einfach besser.

Endlich Stereo

Apropos Videos: Diese werden jetzt (endlich!) in Stereo aufgezeichnet. Vier Mikrofone sorgen dabei für eine beeindruckend realistische Balance.

Zero Shutter Lag

Als «Shutter Lag» bezeichnet man die Verzögerung zwischen dem Drücken des Auslösers und der Aufnahme. Diese Zeit wird normalweise von der Kamera benötigt, um die endgültige Belichtung zu messen oder zu fokussieren. Das iPhone Xs löst hingegen sofort aus, wenn Sie den Auslöser drücken.

Bessere Porträts

Vor allem die Porträts profitieren von der tatkräftigen Unterstützung der Neural Engine. Mit jeder Aufnahme erstellt die TrueDepth-Kamera eine dreidimensionale Tiefenmaske, die für die Berechnung der Unschärfe im Hintergrund dient. Neu kann diese Tiefenmaske auch nachträglich in der mitgelieferten Fotos-App bearbeitet werden, indem die imaginäre Blende zwischen ƒ/1,4 und ƒ/16 reguliert wird.

Die variable Blende sorgt dafür, dass jedes Porträt genau die richtige Dosis an Unschärfe abbekommt, indem einfach im Nachhinein damit rumgespielt wird Die variable Blende sorgt dafür, dass jedes Porträt genau die richtige Dosis an Unschärfe abbekommt, indem einfach im Nachhinein damit rumgespielt wird © PCtipp / ze

Auffallend ist dabei, wie viel besser die Segmentierung funktioniert, besonders bei der Trennung einzelner Haare vom Hintergrund. Die Tiefenmaske wurde in diesem Fall von der Foto-App Halide sichtbar gemacht:

Die Konturen der Tiefenmaske gehen wesentlich mehr ins Detail Die Konturen der Tiefenmaske gehen wesentlich mehr ins Detail © Screenshot / ze

Die Algorithmen von Apple simulieren dabei das «Bokeh» (also die Art und Qualität der Unschärfe) deutlich anders als die Mitbewerber. Während diese einfach das Motiv freistellen und einen Unschärfe-Filter auf den Hintergrund klatschen, berücksichtigt das iPhone die optischen Eigenschaften eines echten Objektivs und passt die Unschärfe entsprechend an, wie weiter oben an den Bildern mit ƒ/1,4 und ƒ/3,5 deutlich zu sehen ist.

Und andere Kamera-Apps?

Bei der Übergabe des Testgeräts hatte ich die Chance, mit einem Apple-Mitarbeiter eine Frage zu klären, die mir schon lange zu beissen gab: Sollte für einen optimalen Porträt-Effekt die Apple-eigene Kamera verwendet werden oder funktioniert eine beliebige App von einem Drittanbieter genauso gut?

Die Antwort liess an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Jede Kamera-App erhält vom System das Bild und die zugehörige Tiefenkarte. Alle kämpfen mit gleich langen Spiessen. Was mit dieser Tiefenkarte geschieht, hängt einzig von der App ab. Die Resultate der künstlichen Unschärfe können also besser oder schlechter sein als jene, die aus der Apple-App kommen. Wenn Sie die besten Resultate wollen, müssen Sie die infrage kommenden Apps akribisch testen.

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Die Preise

Noch nie wurden die Preise eines iPhones so vehement kritisiert wie beim iPhone Xs. (Abgesehen von der legendären Kritik am Ur-iPhone, mit dem sich Ex-Microsoft-Chef Steve Ballmer unsterblich gemacht hat – aber vielleicht nicht so, wie er es sich vorgestellt hat.)

«1739 Franken für ein iPhone Xs?! Die bei Apple müssen restlos den Verstand verloren haben!» So der Konsens in den Kommentarspalten, fast schon hysterisch. Doch mit Verlaub: Die Empörung der Kritiker ist überzogen und geht an der Situation vorbei, denn sie kommt ein ganzes Jahr zu spät.

Sehen wir uns das genauer an. Doch zuvor erhebe ich das iPhone Xs mit 256 GB zum Eichmass: also zur sinnvollsten Konfiguration für die meisten Käufer. Dieses Gerät ist ausserdem der direkte Nachfolger des iPhone X, das letztes Jahr vorgestellt wurde. Alt und neu sind mit Dualkameras, 5,8-Zoll-Display und anderen, baugleichen Merkmalen ausgestattet. Das neue iPhone Xs kann natürlich alles besser und ist deutlich schneller, aber das ist ja auch die Idee bei Nachfolgern.

Und hier der Preisvergleich zum Zeitpunkt der Markteinführung:

  • iPhone X 256 GB: Fr. 1389.–
  • iPhone Xs 256 GB: Fr. 1389.–

Auf den Rappen gleich teuer. Also ist das grosse iPhone Xs «Max» überteuert? Im Gegenteil:

  • iPhone Xs 256 GB: Fr. 1389.–
  • iPhone X «Max» 256 GB: Fr. 1489.–

Nur 100 Franken Aufpreis für den Riesen? Das ist geradezu spottbillig – und das wäre es auch bei jedem anderen Smartphone-Hersteller.

Stattdessen enervieren sich die Kritiker am iPhone Xs «Max» mit fetten 512 GB Speicher für 1739 Franken. Dabei wissen alle (inklusive Apple), dass nur die wenigsten Käufer zu diesem Modell greifen. Ich lebe gerne nach dem Motto «Viel hilft viel» – doch ich kann mir keine praktische Herausforderung vorstellen, die nach 512 GB Speicher schreit. Bei einem iPad Pro? Sofort. Aber bei einem iPhone?

Und doch führen sich die Kritiker so auf, als wären 1739 Franken der Preis, den man jetzt für ein neues iPhone auf den Tisch legen muss. Und das geht schlicht an der Wahrheit vorbei.

Die richtige Grösse

Das nahezu randlose Display des kleinen iPhone Xs durchmisst 5,8 Zoll. Das Display der älteren «grossen» Plus-Modelle mass jedoch nur 5,5 Zoll – es war also kleiner, trotz einem deutlich grösseren Gehäuse. (Solche Vergleichsspiele können Sie ganz bequem unter dieser Adresse durchführen.) Durch das randlose Display erreichte jedoch das vergangene iPhone X für viele Anwender eine nahezu perfekte Mischung zwischen grossem Display und kompaktem Gehäuse.

Auf der Apple-Website lassen sich alle aktuellen Modelle seit dem iPhone 6 miteinander vergleichen Auf der Apple-Website lassen sich alle aktuellen Modelle seit dem iPhone 6 miteinander vergleichen © Screenshot / ze

Wir messen in die andere Richtung: Das iPhone Xs «Max» ist praktisch gleich gross wie die alten Plus-Modelle – doch das Display ist um ein ganzes Zoll (2,54 Zentimeter) angewachsen!

Und welches ist nun die bessere Grösse? Diese Entscheidung ist schwieriger denn je.

iPhone Xs. Das iPhone Xs ist mit seinen Abmessungen nahezu perfekt. Es liegt hervorragend in der Hand, passt in jede Tasche und lässt sich dank des grossen, randlosen Displays sehr komfortabel bedienen. Es ist unmöglich, mit der Wahl dieser Grösse etwas falsch zu machen.

iPhone Xs «Max». Das iPhone Xs «Max» ist zwar deutlich grösser als sein kleiner Bruder, aber sein Anblick ist einfach nur «Ahhh!» und «Ohhh!»: 6,5 Zoll sind eine Hausnummer. Spiele, Filme, Bücher … alles wirkt auf diesem Gerät umwerfend. Jede Frau, die niemals ohne ihre Handtasche das Haus verlässt, sollte zu diesem Gerät greifen. Dasselbe gilt für Pendler, die während der Fahrt vorzugsweise am iPhone hängen.

Das iPhone Xs «Max» wirkt riesig und gleichzeitig kompakt, was dem nahezu randlosen Display zu verdanken ist Das iPhone Xs «Max» wirkt riesig und gleichzeitig kompakt, was dem nahezu randlosen Display zu verdanken ist © PCtipp / ze

Ich selbst gehöre zu keiner der beiden Gruppen, aber ich habe mich schon früher an die Grösse der Plus-Modelle gewöhnt. Und deshalb war von Anfang an klar, dass es ein «Max» sein muss. Dieses Gerät ist ein Fest für die Sinne! Wenn Sie eher unschlüssig sind, greifen Sie zu heute zu diesem Modell und danken Sie später.

Der richtige Speicher

Das iPhone Xs und das iPhone Xs «Max» gibt es in den Speichergrössen 64 GB, 256 GB und 512 GB. Hier ist die Wahl relativ einfach.

64 GB. Diese Grösse reicht weit, wenn Sie sich auf Cloud-Dienste wie Spotify oder Netflix stützen. Sie werden locker genügend Apps laden können, selbst wenn ein paar fette Spiele dabei sind. Wenn Sie hingegen eine dreimonatige Weltreise in 4K filmen möchten, wird es eng. Diese Grösse könnte später auch den Wiederverkaufswert schmälern.

256 GB. Die ideale Grösse für die meisten Anwender. Der Speicher scheint endlos, für Spiele und selbstgedrehte 4K-Filme. Diese Grösse ist zukunftssicher und schmälert den Wiederverkaufspreis in keiner Weise.

512 GB. Wer zum Geier braucht 512 GB in einem iPhone?! Ich weiss es nicht. Vielleicht Weltenbummler, die endlos viele Filme im Offline-Zugriff haben möchten? Die würden sich besser ein iPad kaufen. Aber wenn Sie sich für diesen Datensilo interessieren, werden Sie wohl Ihre Gründe haben. 

Die richtige Farbe

Im Gegensatz zum kommenden iPhone Xr gibt es das iPhone Xs leider nur Space-Grau, Silber und Gold – aber das Gold hat es in sich! Das ist nicht das güldene Prolo-Geschmeide vom Hinterhof. Stattdessen verändert sich die Farbe je nach Lichteinfall von einem dezenten Gelbgold über Rotgold bis hin zu Kupfer. Wenn Sie die anderen «Farben» langsam satthaben, greifen Sie zu Gold. Gold is best – und daran hat sich bis heute nichts geändert!

Zu guter Letzt: das iPhone Xr

Letztes Jahr stand das iPhone 8 im Schatten des kommenden iPhone X. Heuer muss sich das iPhone Xs gegen das iPhone Xr behaupten, das im Oktober auf den Markt kommt: in pfiffigen Farben und vielen gemeinsamen technischen Merkmalen bis hin zum A12 Bionic, allerdings ohne Doppelkamera. Dessen ungeachtet wird es das iPhone Xr bereits ab 879 Franken mit 64 GB geben. Wenn Sie mit der einfacheren Kamera leben könnten, sollten Sie also abwarten, was der Herbst bringt.

iPhone Xr: Nicht ganz an der Spitze, aber vermutlich der zukünftige Verkaufsschlager unter den iPhones iPhone Xr: Nicht ganz an der Spitze, aber vermutlich der zukünftige Verkaufsschlager unter den iPhones © Screenshot / ze

Fazit

Das iPhone Xs lohnt sich kaum für iPhone-X-Besitzer – es sei denn, Sie liebäugeln mit der mächtigen Display des iPhone Xs «Max». Für alle anderen ist das iPhone Xs das Smartphone der Stunde: Face ID, die schiere Rechenleistung und das fantastische, aktuell beste Display am Markt sorgen dafür, dass Sie an diesem Gerät sehr lange Freude haben werden.

Apple iPhone Xs (Max)

Positiv:
Display, Tempo, Face ID, mitgelieferte Software, Bildqualität, TrueDepth-Kamera, Qi-fähig (kabelloses Laden), wasserdicht nach IP68
Negativ:
Details:
6,5-Zoll-OLED-Display mit 458 ppi, A12-Bionic-Chip mit «Neural Engine», Farbraum P3, TrueTone-Display mit HDR, 12-Mpx-Dual-Kamera (hinten) und 7-Mpx-Frontkamera, Fotos mit 12 Mpx, Videos bis 4K mit 60 fps (30 fps mit HDR), WLAN 802.11ac mit 2 × 2 MIMO, Bluetooth 5.0, eSIM, mit 64, 256 oder 512 GB Speicher
Strassenpreis:
ab Fr. 1199.– (iPhone Xs) respektive Fr. 1299.– (iPhone Xs «Max») mit jeweils 64 GB Speicher
Info:
apple.com/chde/
PCtipp-Bewertung:
5 Sterne

Leserwertung

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