Shield TV: Gamer-PC verdrängt Spielkonsolen

Das Gras ist auf der anderen Seite des Zauns wirklich grüner. Ein Erfahrungsbericht mit Leitfaden.

von Klaus Zellweger 22.02.2017

Sind Sie von Spielkonsolen angetan, beneiden aber die PC-Gamer um die Spielauswahl und die grafischen Qualitäten? Dann kann Sie vielleicht der folgende Erfahrungsbericht inspirieren. Falls Sie keine Prologe mögen, blättern Sie einfach eine Seite weiter. Dort warten die harten Fakten.

Prolog

Bis vor zwei Wochen konnte ich mit PC-Spielen nichts anfangen. Spiele gehören ins Wohnzimmer und nicht auf den Rechner, an dem ich bereits den ganzen Arbeitstag verbringe. Ich kann dem Spielen mit Maus und Tastatur nichts abgewinnen und schätze einen guten Controller – wohl wissend, dass «echte PC-Gamer» für solchen Mumpitz nur Verachtung übrighaben. Ausserdem sind Konsolen herrlich simpel: einschalten, Scheibe rein und los geht’s. Gamer-PCs sind hingegen hässlich (ausnahmslos), laut (viele) und gross (wenn sie etwas auf dem Kasten haben).

Andererseits lockt der PC mit überdeutlichen Vorteilen: Die Grafik sieht meistens sehr viel besser aus und wird mit bis zu 60 fps dargestellt. Zur Erklärung: «fps» steht für «Frames Per Second», also für die Anzahl der Bilder, die pro Sekunde berechnet werden können. Eine Darstellung mit 60 fps wirkt absolut flüssig und wird nur von den wenigsten Konsolenspielen erreicht.

Far Cry 4: traumhafte Landschaften in bester Qualität zeigen, was Konsolenspieler verpassen Far Cry 4: traumhafte Landschaften in bester Qualität zeigen, was Konsolenspieler verpassen © Screenshot/PCtipp

Dieser Wert ist ausserdem der Fetisch des gemeinen PC-Gamers. Alles unter 60 fps gilt als Kinderfasching. Mein Erstgeborener wendet sich jedes Mal mit einem theatralischen Grausen ab, wenn ich auf der Konsole versuche, das Böse mit 28 fps und 900p Auflösung zu erschiessen. Egal. Controller, Sofa und das familiäre Umfeld wiegen schwerer als die rohe Gewalt einer hochgezüchteten Grafikkarte.

Der Game Changer – wortwörtlich

Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Auf der Suche nach dem perfekten Mediacenter stolperte ich über die Streaming-Box Shield TV von Nvidia. (Den ausführlichen Test finden Sie hier.)

Ändert alles: Shield TV mit Fernbedienung und Controller Ändert alles: Shield TV mit Fernbedienung und Controller © Nvidia

Die Shield streamt nicht nur Filme vom NAS oder YouTube-Videos aus dem Netz. Weil sie als Grundlage Android 7 verwendet, sind auch viele preiswerte bis kostenlose Android-Games erhältlich.

Diese Android-Spiele sind für Shield TV optimiert Diese Android-Spiele sind für Shield TV optimiert © Screenshot/PCtipp

Vor allem aber bringt sie Spiele nahtlos vom heimischen PC zum Fernseher, indem der Bildschirminhalt via Netzwerk übertragen wird. Dabei kann der PC ganz woanders stehen, solange er über ein Ethernet-Kabel verbunden ist. Das Spielen via Shield fühlt sich genauso gut an, als wäre der PC direkt am Fernseher angeschlossen, unter anderem mit diesen Vorzügen:

• Spielen ohne spürbare Latenz (Verzögerung)

• Optionale Steuerung mit einem Xbox- oder PS4-Controller

• Zeigt die beste Grafik, die der PC hergibt

• Bildraten bis 60 fps in 4K-Auflösung

• 5.1-Sound (falls vom Spiel unterstützt)

• Kein PC im Wohnzimmer, und damit auch kein hörbarer Lüfter

• Familienfreundliche Oberfläche und Bedienung

• Tastatur und Maus für die Steuerung sind möglich, aber nicht Bedingung

Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Doch der erste Feldtest mit Juniors PC, einem Xbox-Controller und einem grafik-lastigen Spiel führte zu einem einschneidenden Aha-Erlebnis. Nicht nur, dass die Bilder mit 60 fps über den grossen Fernseher huschten: Es sah auch alles so unglaublich gut aus. Die Umgebung spiegelte sich detailliert in Pfützen, wo es in der Konsolen-Fassung nicht einmal langweilige Pfützen gab.

Kurz, ein waschechter Gamer-PC musste her. Sofort.

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Das Grundgerüst

Um Spiele in der bestmöglichen Qualität vom PC auf Shield TV zu streamen, muss die Infrastruktur stimmen:

Nvidia Shield TV. Das kleine Modell reicht für unsere Zwecke und kostet ca. 250 Franken inklusive einem gelungenen Controller und der Fernbedienung.

PC mit Nvidia-Grafikkarte. Die Rechnung ist ganz einfach: Je besser der PC, desto besser die Grafik am Fernseher. Bei der Darstellungsqualität gibt keine Beschränkung nach oben. Doch der PC muss zwingend mit einer GTX-Videokarte von Nvidia ausgerüstet sein, genauer: mit einer GeForce GTX 650 oder besser.

Ethernet-Verbindung zum PC. Nicht verhandelbar. Theoretisch funktioniert die Verbindung auch über WLAN, doch die Resultate sind unterirdisch schlecht.

Xbox-Controller (optional). Der mitgelieferte Controller der Shield funktioniert einwandfrei. Es gibt nichts daran auszusetzen. Doch der Controller der Xbox gilt für viele Spieler als Referenz. Kompatibel sind nur die neuen Bluetooth-Controller, die zusammen mit der Xbox One S eingeführt wurden. Sie erkennen die neuen Modelle an der Verschalung rund um die Xbox-Taste: Beim neuen Controller (links) besteht diese aus einem Guss. Die alten Modelle sind hingegen aus drei Teilen zusammengesetzt.

Die neue Version (links) ist an der durchgehenden Abdeckung rund um die Xbox-Taste zu erkennen Die neue Version (links) ist an der durchgehenden Abdeckung rund um die Xbox-Taste zu erkennen © PCtipp/ze

PS4-Controller (optional). Auch der Controller der PS4 lässt sich mit wenigen Klicks installieren. Dazu später mehr.

Gamer-PC: viel hilft viel

Bei Games zählt in erster Linie die Grafikkarte. Deshalb suchte ich weniger einen PC, sondern vielmehr die beste erhältliche Grafikkarte, die in einen schnellen PC verpackt ist. Das Rennen machte ein «Predator»-Modell von Acer, in dessen Inneren eine GeForce GTX 1080 die Pixel vor sich hertreibt. Die GTX 1080 gilt zurzeit als schnellste Grafikkarte auf dem Markt. Ziel erfüllt.

Acer Predator: Top-Leistung, nicht zuletzt wegen der verbauten Nvidia GeForce GTX 1080 Acer Predator: Top-Leistung, nicht zuletzt wegen der verbauten Nvidia GeForce GTX 1080 © Acer

Der Predator arbeitet erstaunlich leise, aber nicht unhörbar. Das Design gefällt bestimmt den meisten 14-jährigen, aber aus diesem Alter bin ich schon ein paar Mal raus. Beides spielt in diesem Fall keine Rolle, weil der PC unmittelbar nach der Einrichtung sein neues Domizil im Keller bezogen hat. Hier darf er sich ungestört austoben:

Der Standort des PCs ist egal, … Der Standort des PCs ist egal, … © PCtipp/ze

Ein langes Ethernet-Kabel (hier weiss im Bild) verbindet den PC mit dem Netzwerk-Verteiler. Von dort aus wandert das Signal in die gute Stube:

… wenn das Ethernet-Kabel lang genug ist … wenn das Ethernet-Kabel lang genug ist © PCtipp/ze

Vorbereitungen am PC

Die Funktion, um Games vom PC zur Shield zu streamen, nennt sich sinnigerweise GameStream. Dazu wird auf dem PC die kostenlose Anwendung GeForce Experience installiert und ein genauso kostenloses Nvidia-Konto angelegt. Im Bereich Shield wird anschliessend der Schalter GameStream umgelegt. Und das war auch schon alles.

«GeForce Experience» auf dem PC «GeForce Experience» auf dem PC © Screenshot/PCtipp

Anschliessend wird an der Shield die App Nvidia Games geöffnet, damit sich in der Rubrik GameStream dieser Anblick bietet:

Die Spiele-Sammlung des PCs ist die Spiele-Sammlung des Fernsehers Die Spiele-Sammlung des PCs ist die Spiele-Sammlung des Fernsehers © Screenshot/PCtipp

Spiele, Spiele, Spiele!

Auf dem PC unterscheidet die GeForce Experience zwischen mehreren Kategorien der Herkunft.

Unterstützte Spiele. Diese sind meist neueren Datums. Sie werden von der Software nicht nur automatisch erkannt, sondern durch massgeschneiderte Erweiterungen optimal für das Streaming vorbereitet. Nvidia nennt diese Erweiterungen «Game Ready Treiber». Diese werden fortlaufend aktualisiert, wobei neue Blockbuster-Titel wie Resident Evil 7 zeitnah unterstützt werden.

Nicht direkt unterstützte Spiele. Diesen Spielen werden die Game-Ready-Treiber vorenthalten. Allerdings fiel mir im Test kein Unterschied auf. Alles funktionierte wie am Schnürchen, auch bei alten Titeln. Einzig die fehlende Controller-Unterstützung kann zum Problem werden, wenn Sie darauf nicht verzichten wollen. Trotzdem ist nicht auszuschliessen, dass einige Spiele ihre Zusammenarbeit verweigern.

Steam-Spiele. Die Spiele in der Steam-Bibliothek werden automatisch erkannt, wenn das Steam-Verzeichnis von der Nvidia-Software überwacht wird. Ältere Titel beharren auf der Verwendung von Maus und Tastatur, doch die meisten neueren Titel bieten volle Controller-Unterstützung.

Die Controller

Spiele lassen sich mit Maus und Tastatur spielen – oder eben mit dem Controller, wie es für mich unverzichtbar ist. Das sind die Optionen:

Via Bluetooth werden die Controller der Shield, der Xbox One S und der PS4 gekoppelt Via Bluetooth werden die Controller der Shield, der Xbox One S und der PS4 gekoppelt © Screenshot/PCtipp

Mitgelieferter Shield-Controller. Beim Controller bin ich extrem pingelig: Ergonomie geht über alles. Doch würde die Shield nur mit dem hauseigenen Controller funktionieren, hätte ich damit kein Problem: Der Shield-Controller fühlt sich hochwertig an und liegt sehr gut in der Hand. Für mich ist er das zweitbeste Eingabegerät nach dem Über-Controller von Microsoft.

Der Shield-Controller (unten) wirkt ein wenig martialisch, liegt aber hervorragend in der Hand Der Shield-Controller (unten) wirkt ein wenig martialisch, liegt aber hervorragend in der Hand © PCtipp/ze

Xbox-One-Controller. Das Objekt der Begierde. Er wird gekoppelt, indem die Bluetooth-Einstellungen an der Shield geöffnet und die Verbindungstaste am Controller für drei Sekunden gedrückt wird.

PS4-Controller. Bluetooth-Einstellungen auf der Shield öffnen und am Controller die «PS»- und die «Share»-Taste gleichzeitig gedrückt halten. Das war’s.

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Probleme, Lösungen und Tipps

Es wäre übertrieben, zu behaupten, dass es überhaupt keine Probleme gab, aber sie blieben überschaubar. Mit den folgenden Tipps sollten Sie die ärgsten Klippen umschiffen.

Familientauglichkeit

So viel vorweg: Diese Lösung ist nicht wirklich familientauglich, sondern eher «restfamilientauglich»: Alle haben Spass und lieben die Shield – aber einer muss in den sauren Apfel beissen und regelmässig hinter den Kulissen ein wenig schrauben und aufräumen. Immerhin werden diese Wartungsintervalle mit der Zeit immer länger. Kurz: Wenn in einer Familie niemand eine Ahnung von der Materie hat, ist eine klassische Spielkonsole vermutlich die bessere Wahl.

PC fernsteuern

Da der PC vielleicht im Keller oder in der Abstellkammer steht, erfolgt seine Administration aus der Ferne. Diesen Job übernimmt der allseits beliebte TeamViewer, der für den privaten Einsatz kostenlos ist.

Achtung: GameStream funktioniert nicht, solange der PC aus der Ferne bedient wird. Schliessen Sie TeamViewer, wenn Sie mit der Arbeit am PC fertig sind.

Es ist eben nur Windows

Windows und seine Wehwehchen wird man einfach nicht los: Eine Software fragt nach Ihrer Meinung und versperrt die Sicht. Ein störrisches Dialogfeld kündigt an, dass das Spiel jetzt für die erste Verwendung vorbereitet wird. Oder ein Dienst reagiert nicht mehr und hinterlässt einen Hinweis, der nicht automatisch verschwindet. In solchen Situationen müssen die Nachrichten direkt am PC oder in TeamViewer mit der Maus weggeklickt werden. Je weniger Beigemüse auf dem PC installiert ist, umso schneller nimmt dieser Spuk ein Ende.

Steam-Client

Der Steam-Client reagiert zum Teil seltsam oder einfach unschön. Die Windows-Oberfläche wird immer wieder eingeblendet, und die ist pfui.

Lösung: Starten Sie den Steam-Client am PC und aktivieren Sie den «Big Picture Modus». (Das ist das Icon mit dem Controller in der rechten oberen Fensterecke.) Verlassen Sie diesen Modus nur, wenn es die Umstände erfordern.

Die Shield unterstützt Steam ab Werk mit einem eigenen Client Die Shield unterstützt Steam ab Werk mit einem eigenen Client © Screenshot/PCtipp

Der Steam-Client zeigt kein Bild

Manchmal bleibt die Steam-Oberfläche einfach schwarz. Doch dabei handelt es sich nur um einen Darstellungsfehler; die Oberfläche ist aktiv, die Interface-Geräusche sind zu hören.

Lösung: Bestimmt ist die Fernwartung durch TeamViewer noch aktiv. Beenden Sie diese Software.

Der Xbox-One-Controller funktioniert nicht

Schnell gekoppelt, aber eine katastrophale Leistung: Das war das Fazit nach der ersten Verwendung des neuen Xbox-One-Controllers.

Abhilfe: Nach der Aktualisierung der Controller-Firmware funktionierte das Teil perfekt. Verbinden Sie den Controller via USB mit der Xbox One. Öffnen Sie die Einstellung der Konsole und navigieren Sie zu «Kinect & Geräte» -> «Geräte und Zubehör». Jetzt sehen Sie den Controller und die Schaltfläche, um die Firmware zu installieren. Am PC benötigen Sie für die Aktualisierung die Xbox Zubehör App.

Headset

Ich hatte noch keine Gelegenheit, ein Headset auszuprobieren, aber soviel sei verraten: Ein Headset funktioniert nur, wenn es am Shield-Controller angebracht wird. Am Xbox-One- oder PS4-Controller verweigern diese Dinger den Dienst.

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Erfahrungswerte

Zugegeben, die Installation ist noch jung. Doch bereits nach zwei Wochen zeichnet sich ab, dass diese Lösung eine Einbahnstrasse ist: Es gibt keinen Weg zurück. Die Qualität der Grafik, die Bildrate und nicht zuletzt die riesige Auswahl an Spielen erfüllen so manchen Traum eines ehemaligen Konsolenspielers.

Die erste Installation ist unkompliziert und dürfte bei jedem interessierten PC-Anwender höchstens als eine halbe Stunde dauern. Shield TV, Grafikkarte und die Software sind füreinander gemacht, und das dringt immer wieder durch.

Allerdings muss erwähnt werden, dass zumindest eine Person in der Familie eine etwas tiefere Ahnung von den technischen Zusammenhängen haben sollte, um den PC bei Laune zu halten. Wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, erweist sich der GameStream via Shield als familientaugliche Lösung: Einmal installiert, ist die Bedienung für den Rest der Familie nicht viel umständlicher als bei einer regulären Spielkonsole. Auf jeden Fall entschädigen die Grafik und der flüssige Spielablauf für alle Geburtswehen.

Kann mehr als nur Spiele: die Oberfläche von Shield TV Kann mehr als nur Spiele: die Oberfläche von Shield TV © Screenshot/PCtipp

Der wichtigste Tipp

Wenn Sie sich für die Umsetzung entscheiden und ausserdem die Verantwortung dafür tragen, beherzigen Sie diesen einen Tipp: Realisieren Sie dieses Projekt, indem Sie sich immer nur einer Aufgabe zuwenden. Lösen Sie diese Teilaufgabe zur vollsten Zufriedenheit. Erst dann widmen Sie sich der nächsten. Widerstehen Sie der Versuchung, in der Sturm-und-Drang-Phase alles auf einmal anzupacken und die Unklarheiten zu ignorieren.

Fazit

Das Dreigestirn Shield TV, GTX-Grafikkarte und PC nimmt quasi die über-übernächste Generation der Spielkonsolen vorweg. Wenn Sie sich nicht scheuen, ab und zu ein paar Steine aus dem Weg zu räumen und manchmal auch Scherben wegzuwischen, finden Sie in dieser Anlage die perfekte Spielkonsole fürs Wohnzimmer.