Test: Apple Watch Serie 3 LTE

Endlich frei: Die Apple Watch emanzipiert sich vom iPhone und führt auch Telefongespräche.

von Klaus Zellweger 21.12.2017

Es lässt sich nicht leugnen: Der Markt für Smartwatches ist nie richtig in die Puschen gekommen. Zu vage sind die Versprechen, zu umständlich ist die Bedienung und das Design lässt bei vielen Modellen zu wünschen übrig.

Zu den wenigen Ausnahmen gehört die Apple Watch, die seit der Einführung zur Messlatte schlechthin geworden ist. Der winzige Computer betrat als Hansdampf in allen Gassen die Bühne, der sich als logische Erweiterung zum iPhone und als Mode-Accessoire verstand. Später wurde der Schwerpunkt auf Fitness und Gesundheit gelegt – stets ohne sich untreu zu werden: Noch heute sind praktisch alle Funktionen der ersten Version mit an Bord, und selbst die frühesten Bänder passen perfekt zu den neusten Modelle.

Der rote Punkt auf der Krone macht den Unterschied Der rote Punkt auf der Krone macht den Unterschied © Apple, Inc.

Das LTE-Modell

Mit der Series 3 liegt der Fokus auf der Unabhängigkeit: Neben dem regulären Modell mit GPS wartet eine weitere Variante mit LTE-Modul, das den Zugang zum Internet via Mobilfunk erlaubt. Das eröffnet neue Einsatzgebiete – doch es schürt auch Erwartungen, die (noch) nicht erfüllt werden können.

Unterscheidungsmerkmal. Äusserlich unterscheidet sich das LTE-Modell von den anderen Apple Watches nur durch den roten Punkt auf der Krone – ein eher sinnfreies Merkmal, das nicht überall auf Gegenliebe stösst. Wer andere Farben bevorzugt, findet auf der Website Watch Dots alle möglichen Kleber für Krone und Seitentaste.

Mehr Speicher. Die LTE-Version wird von Apple mit 16 GB auf den Weg geschickt, während das reguläre Series-3-Modell «nur» 8 GB mitbringt. Allerdings braucht es bereits beim 8-GB-Modell viel guten Willen, um diesen Platz zu füllen, etwa mit der lokalen Speicherung von Musik.

Voraussetzungen

Weil eine reguläre SIM-Karte für das schlanke Gehäuse viel zu gross ist, verwendet Apple eine integrierte eSIM-Karte, die nur einen Bruchteil des Platzes beansprucht. Diese eSIM muss jedoch vom Provider unterstützt werden. In der Schweiz sind das namentlich Swisscom und Sunrise; die passende (eSIM-)Karte wurde uns für diesen Test freundlicherweise von Swisscom zur Verfügung gestellt.

Swisscom. Für unseren Test verwendeten wird das Swisscom-Abo «inOne». Dieses muss um die Option «Multi Device» aufgestockt werden, damit die bestehende Nummer auf einem zweiten Gerät genutzt werden kann. Je nach bestehendem Abo ist diese Option inbegriffen oder kostet zusätzliche 10 Franken im Monat. (Mehr dazu finden Sie hier.) Wer die Apple Watch 3 «LTE» direkt über Swisscom kauft, erhält die Multi-Device-Option in jedem Fall für sechs Monate kostenlos.

Sunrise. Bei Sunrise kann grundsätzlich jedes Abo verwendet werden. Die Nutzung der eSIM kostet dabei zusätzliche 9 Franken pro Monat, wobei die ersten neun Monate kostenlos sind.

Die LTE-Spielregeln

In einem Punkt unterscheidet sich die Apple Watch deutlich vom iPhone: Sie wird in drei LTE-Varianten für verschiedene Länder angeboten, doch kein Modell beherrscht alle LTE-Frequenzbänder. Deshalb sollten Sie unbedingt der Versuchung widerstehen, ein LTE-Modell von den nächsten Ferien in Übersee mitzubringen.

Doch selbst wenn ein LTE-Frequenzband auch im Ausland passt, ist die Apple Watch nicht in der Lage, über Roaming ein fremdes Netz zu kontaktieren. Und so ganz nebenbei ist es auch nicht möglich, auf der Apple Watch 3 einen anderen Provider zu verwenden als jenen auf dem iPhone. Die SIM-Karte im iPhone ist untrennbar mit der eSIM in der Apple Watch gekoppelt.

In der Praxis heisst das: Wenn Sie in Finnland durch die Wälder rennen und nur die Apple Watch 3 LTE dabeihaben, dann sind die Telefonie oder der Zugriff auf das Internet nicht möglich – ganz egal, was Ihr Abo zulässt. Funktionstüchtig bleiben hingegen die Fitness-Apps oder GPS und natürlich können Sie lokal gespeicherte Musik hören.

Einrichtung

Die Einrichtung ist denkbar einfach: Dazu wird auf dem iPhone die App «Watch» aufgerufen und in der Einstellung «Mobilfunk» die Einrichtung über einen Assistenten durchlaufen. Danach dauerte es in unserem Fall keine zwei Minuten, bis die LTE-Verbindung aktiviert war.

Die Einrichtung der LTE-Verbindung dauert nur ein paar Minuten Die Einrichtung der LTE-Verbindung dauert nur ein paar Minuten © Screenshot / ze

Die Signalstärke der LTE-Verbindung wird in der Übersicht durch vier Punkte signalisiert. Sobald sich die Apple Watch in Reichweite eines bekannten WLANs befindet, wird auf dieses umgeschaltet. Die Telefoniefunktion bleibt in jedem Fall erhalten.

Von links nach rechts: Verbindung mit dem iPhone über WLAN, über Bluetooth oder völlig losgelöst über LTE Von links nach rechts: Verbindung mit dem iPhone über WLAN, über Bluetooth oder völlig losgelöst über LTE © Screenshot / ze

Telefonieren, völlig losgelöst

Der Rest funktioniert wie von selbst. Um einen Anruf zu starten, wird entweder das Adressbuch samt Favoritenliste oder der klassische Zahlenblock verwendet. Genauso ist es möglich, ein Gespräch über Siri anzustossen.

Die Bedienung bei Telefongesprächen könnte nicht besser sein Die Bedienung bei Telefongesprächen könnte nicht besser sein © Screenshot / ze

Die Lautsprecher sind angenehm laut – und auf jeden Fall laut genug, um sich gegen vorbeifahrende Autos zu behaupten. Das Gespräch klingt beim Angerufenen hervorragend und glasklar. Damit meinen wir das echte «Glasklar» und nicht etwa das «Für-eine-Smartwatch-nicht-schlecht»-Glasklar. Wer hingegen lieber im Auto sitzt und nur selten während der Fahrt telefoniert, kann sich die Installation einer Freisprecheinrichtung vermutlich sparen.

AirPods, die ideale Ergänzung

Natürlich ist es von Vorteil, wenn der Arm nicht am Körper baumelt, sondern die Apple Watch beim Telefonieren vors Gesicht gehalten wird. Das sieht allerdings ein wenig grenzwertig aus und ermüdet. Am schönsten telefoniert es sich mit den AirPods, Apples eigenen kabellosen Kopfhörern (Test). Die Koppelung mit der Apple Watch erfolgt dabei vollautomatisch, weil die Verbindung zum iPhone den smarten Computer am Handgelenk einschliesst.

AirPods: Es gibt als Apple-Anwender eigentlich keinen guten Grund, um sie nicht zu kaufen AirPods: Es gibt als Apple-Anwender eigentlich keinen guten Grund, um sie nicht zu kaufen © PCtipp/ze

Kurz, die AirPods sind die ideale Ergänzung zur Apple Watch – und wenn Sie sich keine für das iPhone angeschafft haben, dann sollten Sie das spätestens mit der Apple Watch 3 LTE nachholen. Bestehende Bluetooth-Kopfhörer lassen sich ebenfalls koppeln, wobei jedoch die subtilen Möglichkeiten bei der Bedienung verlorengehen.

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Wunsch und Wirklichkeit

Eine LTE-Verbindung beschert dem iPhone den bestmöglichen Internetzugang ohne Einschränkung – was man bei der Apple Watch 3 LTE überhaupt nicht sagen kann: Sie bewegt sich in einem eng definierten Rahmen. Nur wenn Sie diesen kennen, verhindern Sie Enttäuschungen nach dem Kauf.

Allerdings handelt es sich bei der folgenden Beschreibung um eine Momentaufnahme. Der Zugang via LTE ist nicht einfach eine fliessende Alternative zum WLAN, sondern muss von den App-Entwicklern ausdrücklich unterstützt werden. Erst die nahe Zukunft wird zeigen, wie sich die LTE-Funktionalität entwickelt.

Das funktioniert (nicht)

Apple Music. Über die LTE-Verbindung stehen rund 40 Millionen Songs auf Abruf bereit, die direkt auf die Apple Watch gestreamt werden. Die Auswahl der Titel erfolgt über die eigenen Wiedergabelisten oder über die von Apple gepflegten «Radiostationen», zu denen auch der Sender Beats 1 gehört. Andere Musik lässt sich über eine Siri-Suche abrufen, allerdings mit sehr durchwachsenen Resultaten, um es vornehm auszudrücken. Die Erkennung englischer Titel funktioniert so gut wie nie – und die sind ja nicht gerade ­­selten.

Spotify. Funktioniert nicht, genauso wenig wie andere Musikdienste. Zurzeit kann nur Apple Music die Songs streamen. Das ändert sich erst, wenn Spotify & Co. angepasste Apps für die Apple Watch anbieten, die auf die LTE-Verbindung zugreifen können.

E-Mails und Kalender. Neue E-Mails werden angezeigt, wenn das zugehörige iPhone eingeschaltet und seinerseits mit dem Mobilfunknetz verbunden ist. Dasselbe gilt für die Aktualisierung der Kalenderdaten. Das iPhone kann kilometerweit entfernt herumliegen – aber es muss eingeschaltet und mit dem Mobilnetz verbunden sein.

Nachrichten. Kurznachrichten über Apples eigenen Dienst iMessage werden empfangen. Für die Beantwortung lassen sich Emojis oder vorbereitete Floskeln wie «OK» oder «Das ist in Ordnung» verwenden. Um eine neue Meldung abzusetzen, wird Siri bemüht, was meistens recht gut funktioniert: «Hey Siri, sage Markus Müller, ich komme eine halbe Stunde später».

WhatsApp. Und nein, WhatsApp funktioniert nicht ohne iPhone. Auch hier ist der Entwickler in der Bringschuld und muss seine App anpassen.

SMS. Die Apple Watch LTE kann SMS ebenfalls nur empfangen, wenn das iPhone eine Brücke schlägt. Dabei darf das iPhone auch im Hotel liegenbleiben, solange es mit dem Mobilfunknetz verbunden ist. Genau wie Nachrichten über iMessage lassen sich SMS direkt an der Apple Watch mit Emojis oder vorbereiteten Floskeln beantworten.

Batterielaufzeit

Ohne zwischendurch aufzuladen, hielt die Batterie ziemlich genau zwei Tage durch. Die Apple Watch wurde auch nachts getragen und war dabei die ganze Zeit vom iPhone getrennt und via LTE verbunden, was in der Praxis eher selten vorkommen dürfte. Auch hier gilt: Die effektive Leistung hängt vom Nutzungsverhalten ab, doch die Apple Watch 3 LTE begleitet ihren Besitzer garantiert durch den Tag.

Zielgruppe

Die Apple Watch Series 3 bietet alles, was man sich von einer Smartwatch nur wünschen kann, und selbst die umfangreiche Produktseite von Apple kratzt nur an der Oberfläche. Als Zielgruppe kommen zwangsläufig nur iPhone-Besitzer infrage, doch die werden auf der ganzen Linie zufriedengestellt.

Ein Display, wie gemalt Ein Display, wie gemalt © PCtipp/ze

Die LTE-Version legt noch einmal eine grosse Schippe obendrauf. Doch um Enttäuschungen zu vermeiden, sollten Sie genau wissen, worauf Sie sich einlassen. Wenn Sie unterwegs einfach ohne iPhone telefonieren möchten, dann werden Sie von der Apple Watch 3 «LTE» begeistert sein, denn die Gesprächsqualität und die Benutzerfreundlichkeit sind hervorragend. Auch das Streaming durch Apple Music, Nachrichten via iMessage oder die Hinweise auf neue E-Mail funktionieren tadellos. 

Viele andere Apps verstehen sich jedoch noch (!) nicht mit der LTE-Verbindung: WhatsApp, Spotify und alle anderen Apps, die auf eine Internetverbindung setzen, müssen zuerst angepasst werden – doch das liegt ausserhalb Apples Einfluss.

Unter dem Strich sollten Sie die Apple Watch 3 LTE als Möglichkeit sehen, um auch ohne iPhone telefonisch erreichbar zu sein. Es ist jedoch nicht die Absicht dieses winzigen Computers, die anderen Funktionen des iPhones zu ersetzen.

Fazit

Die Apple Watch Series 3 bietet alles, was man heute von einer Smartwatch überhaupt erwarten kann – und das LTE-Modell sogar noch mehr. Trotz der enormen Möglichkeiten ist das Gehäuse federleicht und die Abmessungen bescheiden. Oder anders gesagt: Wenn Sie die Apple Watch 3 nicht zufriedenstellen kann, dann gelingt das vermutlich auch keiner anderen Marke oder Plattform.

Apple Watch Series 3 (LTE)

Positiv:
Grösse, Gewicht, Display, Software, Funktionsvielfalt, LTE-Zugang
Negativ:
Kann und will das iPhone nicht ersetzen
Details:
GPS, WLAN, Bluetooth, Höhenmesser, Gyro- und Beschleunigungssensor, Herzfrequenzmesser, wasserdicht bis 50 Meter, 8 GB Speicher (LTE-Modell: 16 GB)
Strassenpreis:
GPS-Modell ab Fr. 369.–, LTE-Modell ab Fr. 449.–
Info:
apple.com/chde/watch
PCtipp-Bewertung:
5 Sterne

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