Test: Apple AirPods

An diesen Kopfhörern funktioniert nichts so, wie man es erwartet. Und das ist sogar das Beste daran.

von Klaus Zellweger 21.12.2016

Zahnbürsten, Golfschläger, Mini-Föns – kein Vergleich scheint im Web zu absurd, um die Form der AirPods zu beschreiben. Dabei sehen sie fast genauso aus, wie die gestandenen EarPods, einfach ohne Kabel. Doch das ist nicht der einzige Unterschied. Die AirPods haben es – pardon – faustdick hinter den Ohren.

Apple AirPods mit Ladeschale Apple AirPods mit Ladeschale © ze / PCtipp

Der Tragekomfort ist erfreulich hoch: Einmal eingesetzt, könnte ich die kleinen Stöpsel stundenlang drin behalten. Ob das auf Ihre Ohren ebenfalls zutrifft, prüfen Sie am besten mit den kabelgebundenen EarPods der iPhones: Deren Form ist zwar nicht völlig identisch, aber sehr nahe dran.

Die oft geäusserten Bedenken, dass die AirPods versehentlich aus den Ohren fallen, sind unbegründet: Sie sitzen wie angegossen – auch bei schnellen Bewegungen, beim Laufen oder beim Bücken. Selbst beim Headbangen werden Sie das Bewusstsein noch vor den AirPods verlieren. Doch bereits die kabelgebundenen EarPods sind mir nur dann aus den Ohren gerutscht, wenn das Kabel irgendwo an der Kleidung hängenblieb – und diese Gefahr ist nun gebannt.

Ladeschale und Akku-Laufzeit

Die AirPods werden in einer schmucken Ladeschale geliefert und durch Magnete gegen versehentliches Herausfallen gesichert. Diese Schale dient jedoch nicht nur dem Transport und der Aufladung, sondern verfügt ihrerseits über einen Akku. Dieser gibt seinen Energievorrat an die AirPods ab, sobald sie verstaut werden.

Die Ladeschale verfolgt mehrere Absichten Die Ladeschale verfolgt mehrere Absichten © ze / PCtipp

Laufzeit, Versuch 1. In unserem Test zeigte der Akku nach fast vier Stunden eine Restladung von ca. 30 Prozent. Danach lagen die AirPods über Nacht offen auf dem Tisch, was die Ladung auf etwa 5 Prozent drückte. Es spielt also eine Rolle, wo die Stöpsel aufbewahrt werden, auch wenn sie nicht benutzt werden.

Laufzeit, Versuch 2. Im zweiten Anlauf und Non-Stop-Test hielten die AirPods rund 4:45 Stunden, bis sie zurück in die Schale mussten. Wenn sie dort aufgetankt werden, beträgt die Gesamtlaufzeit laut Apple etwa 24 Stunden, was mit unseren Messungen ziemlich gut übereinstimmt.

Ladeanzeige, in diesem Fall als Widget Ladeanzeige, in diesem Fall als Widget © Screenshot / PCtipp

Koppelung: fantastisch unspektakulär

Die AirPods verbinden sich via Bluetooth mit dem Endgerät. Das weckt die Erinnerung an hässliche Prozeduren, wie: «Halten Sie die Taste X solange gedrückt, bis die LED rotblau blinkt. Das Gerät befindet sich nun im Koppelungsmodus. Öffnen Sie innerhalb von 30 Sekunden die Systemsteuerung …». Und so weiter.

Spielen die AirPods bei der Koppelung in einer anderen Liga? Nein. Sie spielen ja noch nicht einmal dasselbe Spiel.

Stattdessen wird die brandneue Ladeschale nach dem Auspacken geöffnet, in die Nähe des iPhones gebracht und mit einem Tippen gekoppelt. Das dauert ungefähr solange, wie Sie benötigen, um den letzten Satz laut vorzulesen.

Also ein wenig «magisch» ist das schon Also ein wenig «magisch» ist das schon © ze / PCtipp

Einfacher geht es nicht? Doch, geht es. Denn die Informationen zur Koppelung werden automatisch an die Apple-ID geheftet. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine Sicherheitsmassnahme wie bei den iOS-Geräten; stattdessen können die AirPods jederzeit mit einer anderen Apple-ID verknüpft werden.

Geraten die AirPods in die Reichweite eines Macs, eines iPads oder einer Apple Watch mit derselben Apple-ID, stellen sie sofort eine Verbindung bereit, etwa hier am Mac:

Am Mac funktionieren die AirPods genauso einfach Am Mac funktionieren die AirPods genauso einfach

Um später wieder eine Verbindung zum iPhone auf zum iPad herzustellen, werden die AirPods einfach am jeweiligen Gerät angewählt und sogleich gekapert. Kurz, das erbärmliche Bluetooth-Protokoll hat seinen Schrecken verloren – zumindest in der Apple-Welt.

Kopfhörer denkt mit

All diese sehr speziellen Eigenschaften werden möglich, weil die AirPods durch Apples selbst entwickelten W1-Chip angetrieben werden.

Automatische Pausen

Wenn Sie mit beiden AirPods die Wiedergabe beginnen und einen der beiden Kopfhörer abnehmen, stoppt die Wiedergabe solange, bis Sie den Stöpsel wieder ins Ohr stecken. Das gilt natürlich für Apples Musik-App, aber auch für andere Apps wie Spotify, Spiele und sogar für YouTube-Videos, deren Wiedergabe in Bild und Ton pausiert wird.

Spotify (hier im Bild), Apple Music, YouTube … die AirPorts haben alle Dienste und Apps lieb Spotify (hier im Bild), Apple Music, YouTube … die AirPorts haben alle Dienste und Apps lieb © Screenshot / PCtipp

Raffiniertes Detail: Wenn Sie die Audio-Wiedergabe mit beiden AirPods starten, hören Sie den Ton in Stereo. Starten Sie die Wiedergabe hingegen nur mit einem AirPod im Ohr, werden die Stereokanäle automatisch für die Mono-Wiedergabe gebündelt.

Die Mikrofone

Beide AirPods sind mit Mikrofonen bestückt, sodass es keine Rolle spielt, welches Teil Sie sich für ein Telefongespräch ins Ohr stecken. Zusätzliche Mikrofone erfassen und filtern die Umgebungsgeräusche bei Telefongesprächen oder Videochats. Die Resultate überzeugen: Alle Angerufenen attestierten dem Gespräch eine sehr gute Klangqualität.

Beide AirPods sind mit allen Mikrofonen, Chips und Sensoren ausgestattet Beide AirPods sind mit allen Mikrofonen, Chips und Sensoren ausgestattet © ze / PCtipp

Dieser akustische Filter sorgt allerdings «nur» dafür, dass es die Umgebungsgeräusche nicht bis ans andere Ende der Leitung schaffen. Das Verfahren hat nichts mit den geräuschunterdrückenden Kopfhörern gemein, die durch Gegenschall eine künstliche Stille erzeugen.

In den Bluetooth-Einstellungen am iPhone wird ausserdem definiert, bei welchem AirPod das Mikrofon aktiviert ist: links, rechts oder automatisch. In den meisten Fällen dürfte «automatisch» die beste Wahl sein, weil es dann keine Rolle spielt, welchen AirPod Sie einzeln verwenden. Doch wer sich für links oder rechts entscheidet, kann den zweiten Pod seinem Partner ins Ohr drücken, um ihn ein Telefongespräch mithören zu lassen – allerdings ohne seine Beteiligung am Gespräch. Eine praktische Sache, und ausserdem haben die meisten Menschen sowieso ein «Lieblings-Ohr», mit dem sie bevorzugt telefonieren.

Die AirPods kommen mit ihren eigenen Bluetooth-Einstellungen Die AirPods kommen mit ihren eigenen Bluetooth-Einstellungen © Screenshot / PCtipp

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Sound-Qualität und Latenz

Es lohnt sich nicht, an dieser Stelle langatmig über die Tonqualität zu referieren. Die meisten Interessenten der AirPods dürften bereits ein iPhone mit kabelgebundenen EarPods besitzen. Das macht die Einschätzung leicht: Die AirPods klingen sehr ähnlich, aber dennoch hörbar besser und ein wenig lauter. Sie liefern ausserdem einen Tick mehr Bass, ohne es dabei zu übertreiben.

Kurz, wenn Sie mit den EarPods zufrieden sind, sind Sie es mit den AirPods erst recht. Wenn Sie sich hingegen zu den Audiophilen zählen, die für die alten EarPods nur ein verächtliches Schnauben übrighaben, sollten Sie vom Kauf absehen.

Für eine angenehme Überraschung sorgte auch die nicht wahrnehmbare Latenz: Filme aller Art und YouTube-Videos wirkten absolut lippensynchron, was längst nicht bei jedem kabellosen Kopfhörer der Fall ist.

Die Sache mit der Kompatibilität

Bis jetzt haben wir immer nur von Apple-Geräten gesprochen und wie toll die automatische Koppelung funktioniert. Grundsätzlich lassen sich die AirPods jedoch mit jedem Bluetooth-fähigen Gerät koppeln, indem die Verbindungstaste auf der Ladeschale gedrückt wird. Nebenbei: Diese Taste muss auch bemüht werden, um die AirPods mit einem Apple TV zu verbandeln.

Leider verlieren die AirPods mit der manuellen Verbindung alle Eigenschaften, die sie so clever machen. Und das sind einige.

W1-Chip

Denn die «Intelligenz» bei der Koppelung und der Steuerung kommt praktisch ausschliesslich durch Apples eigenen, brandneuen W1-Chip zustande. Auch die Steuerung über Siri, die wir uns gleich vornehmen werden, fällt in seine Zuständigkeit. Ohne die Kompatibilität zu diesem Chip sind die AirPods einfach nur elegante, aber strunzdumme Bluetooth-Kopfhörer ohne jeden Mehrwert – von der Ladeschale einmal abgesehen.

Ob Apple den W1 für andere Anbieter freigibt, steht in den Sternen. Sicher ist, dass die hauseigenen Beats-Kopfhörer damit ausgestattet werden. Den Anfang machen der bereits erhältliche Beats Solo3 und der genauso neue Sportkopfhörer Powerbeats3.

Beats Solo Beats Solo © Apple, Inc.

Power Beats Power Beats © Apple, Inc.

Kein aptX-Codec

Die AirPods bieten keine Unterstützung für den aptX-Codec von Qualcomm. aptX hat unterdessen in vielen Audio- und Android-Geräten Einzug gehalten. Er verbessert gegenüber dem nackten Bluetooth-Protokoll nicht nur die Tonqualität, sondern erhöht auch die Reichweite und verringert die Latenz, die bei kabellosen Verbindungen fast zwangsläufig auftritt. Apple beschreitet mit dem W1-Chip jedoch einen eigenen Weg. Wenn Sie also die AirPods mit einem aptX-fähigen Android-Gerät koppeln, gereicht das weder dem Smartphone noch den Kopfhörern zum Vorteil.

Reichweite

Der W1-Chip sorgte in unserem Test stets für eine zuverlässige, stabile Verbindung ohne das geringste Knacken oder Rauschen. Im Zusammenspiel mit einem iPhone 7 (zum Test) deckt die Reichweite locker eine gesamte Etage im Einfamilienhaus ab, solange nicht mehr als eine Wand dazwischenliegt. Die Verbindung riss im Test erst ab, als das Stockwerk gewechselt wurde.

Siri-lastige Steuerung

So weit, so gefällig. Die Steuerung sorgt jedoch zurecht für einige Kontroversen. Ich bevorzuge die Manipulation an der Quelle: Um die Lautstärke zu ändern, werden einfach die Lautstärke-Tasten am iPhone gedrückt, noch während es in der Tasche steckt. Siri wird aktiviert, indem die Home-Taste länger gedrückt bleibt.

Doch solche Handgriffe sind beim Sport und bei chronisch überfüllten Damenhandtaschen keine Option. Stattdessen erfolgt die Steuerung über Siri. Leider kann Apples digitale Assistentin nicht mit dem Zuruf «Hey, Siri!» geweckt werden. Stattdessen wird einer der beiden AirPods zweimal angetippt, gefolgt von Kommandos wie «Erhöhe die Lautstärke» oder «Springe zum nächsten Titel.»

Das sorgt für ein Wechselbad der Gefühle. Wenn Sie mit Siri nur an der Lautstärke schrauben oder Titel wechseln, hören Sie bei der Bedienung vielleicht ein entferntes Blubbern: Das ist Ihre Galle, die im nächsten Moment überkochen wird. Andererseits ist die Siri-Steuerung sehr praktisch und elegant, wenn nützliche Kommandos ins Spiel kommen, wie etwa: «Rufe meine Frau an.» Oder: «Wann ist mein nächster Termin?»

Wie auch immer. Es handelt sich hier um die 1.0-Version einer Software, die noch viel Raum für Optimierungen bietet.

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Perfekt für Apple-Anwender

Die AirPods sind sehr einfach einzuordnen. Sie werden sie unbedingt oder auf keinen Fall kaufen wollen – je nachdem, ob Sie in der Apple-Welt zuhause sind.

Alles dreht sich um den Komfort. Die Koppelung ist an Raffinesse kaum zu überbieten – auch deshalb, weil sie über iCloud auf andere Geräte übertragen wird. Genauso einfach gestaltet sich der Wechsel zwischen allen gekoppelten Geräten. Und die Ladeschale löst die Probleme mit der Stromversorgung auf eine sehr elegante Weise.

Durch und durch clever Durch und durch clever © Apple, Inc.

Der W1-Chip von Apple sorgt für eine knisterfreie Tonübertragung mit einer hohen Reichweite. Die Geräuschunterdrückung lässt Telefonanrufe für den Gesprächspartner glasklar klingen. Die Steuerung über Siri ist sehr gewöhnungsbedürftig, aber für viele Aufgaben auch praktisch. Und zu guter Letzt fragt man sich, warum nicht vorher jemand auf die Idee gekommen ist, die Wiedergabe beim Abnehmen des Kopfhörers automatisch zu unterbrechen.

Allerdings verpuffen all diese Vorzüge bei Geräten, die nicht dem Apple-Kosmos entsprungen sind.

Nicht geeignet für …

Zwar lassen sich die AirPods mit jedem Bluetooth-fähigen Gerät koppeln, doch ausserhalb der Apple-Welt wäre das ein sinnloses Unterfangen: Siri, die Koppelung, die Steuerung und alle anderen Besonderheiten lösen sich in Luft auf. Zurück bleibt ein kabelloser Kopfhörer, der noch nicht einmal aptX unterstützt. Ein Nachteil? Nein. Die AirPods sind einfach nicht dafür gedacht, fremde Geräte aufzuwerten – und damit wird schliesslich auch nicht geworben. Dass trotzdem eine reguläre Bluetooth-Verbindung möglich ist, werden all jene iPhone-Besitzer schätzen, die zum Beispiel im Büro am Windows-PC arbeiten.

Fazit

Die AirPods sind an Komfort und Raffinesse nicht zu überbieten – aber nur, wenn man sich dem Apple-Kosmos verschrieben hat. Einzig bei der Musiksteuerung sollte nachgebessert werden. Doch wenn Sie regelmässig zwischen mehreren Apple-Geräten wechseln und nach einer gutklingenden, kabellosen Verbindung suchen, werden Sie mit den AirPods sehr, sehr zufrieden sein.

Verfügbarkeit. Die AirPods wären das perfekte Weihnachtsgeschenk, doch leider sind sie sehr schwer zu jagen. Die Lieferfrist für Online-Bestellungen beträgt zurzeit sechs Wochen. Deutlich bessere Chancen bietet ein früher Besuch in einem der Apple Stores, die regelmässig beliefert werden.

Apple AirPods

Positiv:
Koppelung, Passform, Rauschunterdrückung, Ladeschale, Reichweite
Negativ:
Musiksteuerung, kein «Hey, Siri!»
Details:
Ab macOS «Sierra», ab iOS 10, ab watchOS 3
Strassenpreis:
179 Franken
Info:
www.apple.com/chde/airpods/
PCtipp-Bewertung:
4.5 Sterne

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