Apple WWDC: Das ist iOS 12

iOS 12 bringt neue Funktionen, die unseren digitalen Alltag entschärfen sollen. Doch auch die Spassfraktion kommt auf ihre Kosten.

von Klaus Zellweger 05.06.2018

Gestern fand Apples jährliche Entwicklermesse WWDC statt. Weil bei diesen Anlässen jeweils die neusten Systeme gezeigt werden, reicht das Interesse weit über die Gilde der Programmierer hinaus. Natürlich lag das Augenmerk auf iOS 12, denn schliesslich sind ungefähr eine Milliarde aktive Geräte mit diesem System im Umlauf.

Verfügbarkeit und Beta

iOS 12 wird etwa eine Woche vor dem nächsten iPhone erscheinen, also im September. Die anderen Systeme «tvOS» und «watchOS» werden zur selben Zeit auf die Anwender losgelassen, während macOS 10.14 «Mojave» erfahrungsgemäss auch ein paar Wochen danebenliegen kann.

Entwickler können ab sofort auf die Beta von iOS 12 zugreifen, der Zugang für das Proletariat folgt dann später in diesem Monat.

Tipp: Wenn Sie bei der «Public Beta» einsteigen möchten, sollten Sie bis zur dritten oder vierten Version zuwarten. Dann sind erfahrungsgemäss die meisten Bugs behoben, die einem den Alltag vermiesen können.

Lange lebe iOS!

Es gehört zu Apples Markenzeichen, dass iOS-Geräte sehr, sehr langlebig sind, aber iOS 12 setzt noch einen drauf. Dieses Mal wird niemand zurückgelassen: Alle Geräte, die mit iOS 11 kompatibel sind, werden auch iOS 12 erhalten – selbst das iPhone 5s, das im Herbst fünf Jahre auf dem Buckel hat, wird noch einmal zum Handkuss kommen und mindestens für ein weiteres Jahr unterstützt.

Selbst Geräten von 2013 wird neues Leben eingehaucht Selbst Geräten von 2013 wird neues Leben eingehaucht © Screenshot / Ze

Im Detail sind folgende Geräte dabei:

iPhones: ab iPhone 5s, iPhone SE und neuer

iPad: ab iPad mini 2, iPad 5th Gen., iPad Air und neuer

iPod touch: iPod touch der 6. Generation, also das aktuelle Modell

Interessante Randnotizen

Natürlich wurde den Entwicklern genüsslich unter die Nase gerieben, dass sie für die richtige Plattform entwickeln und dabei mit gutem Gewissen die neusten Technologien verwenden können – schliesslich sind die meisten iOS-Anwender auf der Höhe der Zeit. Dagegen scheint das neuste Android in der Zeit stehengeblieben:

Ohne Worte … Ohne Worte … © Screenshot / Ze

Und natürlich sollten Apps auch etwas einbringen. Gemäss Apple-Chef Tim Cook wurde diese Woche ein weiterer Meilenstein erreicht: Seit Einführung des App Stores wurden satte 100 Milliarden US-Dollar an die Entwickler ausbezahlt. (Und demzufolge etwa 50 Milliarden Dollar einbehalten.)

Bargeld lacht Bargeld lacht © Screenshot / Ze

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Es gibt nur ein Gas: Vollgas!

Zurück zu iOS 12. Ein neues System auf einem alten Gerät sorgt stets für Bedenken, ob ihm die Hardware überhaupt gewachsen ist. Mit iOS 12 dürften die Geräte jedoch nicht langsamer, sondern schneller werden. Apple spricht in einigen Bereichen von einer Verdoppelung der Geschwindigkeit, was teilweise messbar und teilweise gefühlt ist.

Die wichtigste Optimierung betrifft die Ansteuerung der CPU: Beim Wischen, beim Blättern in Safari oder beim Öffnen von Apps wird nicht lange gefackelt; stattdessen steht der App fast augenblicklich die volle Leistung zur Verfügung, die bei Nichtgebrauch sofort wieder absackt, um die Batterie zu schonen. Auf diese Weise soll sich die Bedienung deutlich beschleunigt anfühlen.

Das neue CPU-Management sorgt für eine spürbar bessere Reaktionsfreude Das neue CPU-Management sorgt für eine spürbar bessere Reaktionsfreude © Screenshot / Ze

Memojis

Jede WWDC braucht ihr spassiges Highlight, und das waren dieses Mal die neuen «Memojis» (sprich: «Mi-Motschis»). Dabei handelt es sich um dieselben animierten Gesichter (Animojis), welche die Mimik des Anwenders seit dem iPhone X in Echtzeit widerspiegeln: Stirnrunzeln, Lachen, böser Blick und dergleichen mehr werden ohne Verzögerung auf den Avatar projiziert. 

Noch während der Gestaltung imitiert das Memoji den Anwender in Echtzeit Noch während der Gestaltung imitiert das Memoji den Anwender in Echtzeit © Screenshot / Ze

Mit iOS 12 kann der Anwender sein Alter Ego selbst zusammenklicken, während eine kleine Vorschau das Gesicht in Echtzeit widerspiegelt. Unzählige Eigenschaften bis hin zur Form und Farbe der Augen sorgen für einen einmaligen Avatar, der statt des eigenen Gesichts auch für Video-Chats verwendet werden kann. Hier ein Beispiel aus der ebenfalls neuen Group-Chat-Funktion in der App «Nachrichten»:

Memojis lassen sich auch für Gruppen-Chats verwenden Memojis lassen sich auch für Gruppen-Chats verwenden © Screenshot / Ze

Ganz wichtig ist auch die neue Zungenerkennung, denn ohne sie ist ein Gesicht einfach nicht vollständig:

… aber nicht mit der Zunge! … aber nicht mit der Zunge! © Screenshot / Ze

Die Erstellung von Memojis ist übrigens dem iPhone X vorbehalten, weil es zurzeit das einzige Gerät mit Apples True-Depth-Kamera ist.

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Privatsphäre

Die Werbeindustrie wird keine Freude an Apple haben, soviel steht fest. Schliesslich bietet iOS seit Version 10 die Möglichkeit, Ad-Blocker in allen möglichen Ausführungen zu verwenden. In Safari kommt nun die erweiterte «Intelligent Tracking Prevention» zum Einsatz, welche die allseits bekannten Buttons wie «Gefällt mir», «Teilen» und mehr blockiert. Ausserdem werden Widget wie etwa Kommentarfelder gemeldet, die ebenfalls die Aktivitäten des Benutzers ohne sein Zutun überwachen wollen.

Kurz, es dürfte sehr viel schwieriger bis unmöglich werden, einen iOS-Anwender bei seinem Aufenthalt im Internet zu verfolgen. Ähnlich radikal geht übrigens das kommende macOS 10.14 «Mojave» gegen die Werbeindustrie vor, indem die technischen Details des Geräts («Fingerprint») so verschleiert werden, dass eine Nachverfolgung fast unmöglich wird.

Entspannung

Wir hängen zu lange am Smartphone, wie Apple-Chefentwickler Craig Federighi richtig bemerkte. Neue Werkzeige in iOS 12 zeigen, wie viel Zeit man in einer App verbummelt hat.

Die Nutzung jeder App lässt sich aufschlüsseln Die Nutzung jeder App lässt sich aufschlüsseln © Screenshot / Ze

Auch Wochenstatistiken lassen sich abrufen:

Es wird Zeit, um über die Vergänglichkeit der eigenen Existenz nachzudenken Es wird Zeit, um über die Vergänglichkeit der eigenen Existenz nachzudenken © Screenshot / Ze

Das System lässt sich so konfigurieren, dass zum Beispiel eine Mitteilung erscheint, wenn man länger als eine Stunde auf Instagram herumlungert. Die Einrichtung kann bis ins Detail justiert werden und basiert auf Freiwilligkeit. Bei Kindern hingegen kann der Zugriff durch die elterliche Autorität (und dem zugehörigen PIN-Code) durchgesetzt werden.

Auch die «Nicht stören»-Funktion arbeitet jetzt subtiler, indem die Schlafenszeit definiert wird, während der das Display gedimmt bleibt und Mitteilungen stummgeschaltet werden. Tagsüber kann die Funktion auch nur solange aktiviert bleiben, bis der aktuelle Ort verlassen wird – also wenn zum Beispiel eine wichtige Besprechung mit einem Kunden zu Ende ist.

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Ein Kessel Buntes

Und dann sind da noch die zahlreichen Kleinigkeiten, die keine langen Erklärungen benötigen. Hier die wichtigsten.

CarPlay mit Fremd-Apps

Stolze Besitzer eines Autos mit Apples «CarPlay»-Terminal können bald auch die Navigations-Apps von Drittanbietern verwendet werden. (Was für viele Fahrer vermutlich auf Google Maps hinausläuft.) Die Begeisterung bei der Ankündigung war verdächtig gross; vermutlich stand so mancher Zuschauer schon einmal im Wald, wo eigentlich keiner sein sollte – Apples eigener «Karten»-App sei Dank.

CarPlay erlaubt bald schon die Integration anderer Navi-Apps CarPlay erlaubt bald schon die Integration anderer Navi-Apps © Screenshot / Ze

AR-Anwendungen

Das Thema «Augmented Reality» genoss während der Keynote einen hohen Stellenwert, zusammen mit dem weiterentwickelten «ARKit 2.0» für die Entwickler. Zum Lieferumfang von iOS 12 gehört die App «Measure», die eine präzise Vermessung von Objekten erlaubt. LEGO wird ausserdem ein neues Baukastensystem auf den Markt bringen, bei dem die realen Klötzchen durch AR-Effekte und -Spiele ergänzt werden.

Die LEGO-Klötzchen werden durch ARKit um einen frischen Aspekt bereichert Die LEGO-Klötzchen werden durch ARKit um einen frischen Aspekt bereichert © Screenshot / Ze

Siri

Die neuen «Siri Shortcuts» werden vom Anwender definiert und wickeln zum Beispiel eine automatische Bestellung bei der Kaffee-Kette der Wahl ab. Dabei lassen sich auch Ereignisse verketten: Beim Verlassen der Firma wird der Partner via Nachricht informiert, die Temperatur in der Wohnung erhöht und der Lieblingssender im Radio eingestellt. Klingt toll, aber dem sollte man nicht zu viel Bedeutung zumessen – schliesslich wissen wir alle, dass Siris IQ meistens nur reicht, um einen einzelnen Timer zu stellen.

Das war nicht alles

Damit wären die wichtigsten Punkte der Keynote abgedeckt. Doch auch die Keynote war nur ein Destillat der Neuerungen. In den nächsten Tagen werden noch viele weitere Verbesserungen und neue Funktionen auftauchen, wenn die Entwickler-Beta bis ins kleinste Detail seziert wird.