Apple: die WWDC-Keynote im Überblick

Schlag auf Schlag wurden gestern die Neuerungen rausgehauen. Das Wichtigste im Überblick.

von Klaus Zellweger 06.06.2017

Die WWDC – also die Word Wide Developer Conference – ist eine Veranstaltung für Software-Entwickler, wie an der Bezeichnung unschwer zu erkennen ist. Trotzdem geniesst die Eröffnungsrede eine enorme Beliebtheit, denn alle möchten wissen, was das neue iOS oder macOS bietet. In Ausnahmefällen wird sogar neue Hardware vorgestellt.

Doch die Fülle an neuer Hard- und Software, die Apple gestern auf der grossen Bühne zeigte, sprengt alles, was bisher an einer WWDC gezeigt worden ist.

iOS 11

Die Vorstellung von iOS 11 galt als sicher. Das neue System wird auf allen 64-Bit-fähigen Geräten laufen. Damit sind das iPhone 5 und das iPhone 5c aus dem Rennen, bei den iPads wird mindestens ein iPad Air vorausgesetzt. Auch alte 32-Bit-Apps, die seit Jahren nicht mehr gepflegt werden, springen über die Klinge. Wie Sie prüfen können, ob Apps auf Ihrem Gerät davon betroffen sind, erfahren Sie hier.

Siri. Siri soll klüger werden – wieder einmal. Die Stimme klingt auf jeden Fall sehr viel natürlicher, allerdings bis jetzt nur in der amerikanischen Ausführung. Die Entwickler erhalten tieferreichenden Zugriff, was zu neuen Apps mit genauso neuen Möglichkeiten führen soll. Die digitale Assistentin kann neuerdings zwischen verschiedenen Sprachen übersetzen (Deutsch, Chinesisch, Französisch, Italienisch und Spanisch).

Siri spielt auf Reisen die Übersetzerin Siri spielt auf Reisen die Übersetzerin © Apple, Inc.

Siri versucht ausserdem «ihren» Besitzer besser zu verstehen. Dazu verwendet Apple Machine Learning: Die Software lernt das Verhalten des Benutzers kennen und reagiert mit Rücksicht auf seine Vorlieben oder Interessen. Der Begriff «Machine Learning» wurde gestern fast inflationär benutzt, doch der Name allein ist kein Qualitätssiegel: Unter den lernende Maschinen gibt es auch einige inkompetente Pfeifen, wie die meisten von uns schon festgestellt haben.

Neue Kamera. Die neuen Kamerafunktionen müssen sich anfühlen, als halte man bereits das nächste iPhone in den Händen. Da die Neuerungen jedoch auf iOS 11 fussen, profitieren auch die aktuellen Geräte. Auf dem iPhone 7 Plus können jetzt Fotos unter gleichzeitiger Verwendung des Porträtmodus, dem optischen Bildstabilisator und dem True-Tone-Blitz in HDR aufgenommen werden. Mehr darf man wirklich nicht verlangen.

Die Neuerungen in der Kamera-App klingen fast wie ein Hardware-Upgrade Die Neuerungen in der Kamera-App klingen fast wie ein Hardware-Upgrade © Apple, Inc.

Live Fotos erhalten neue Effekte. So wird die kurze Filmsequenz auf Wunsch zu einer Endlosschleife (Loop) umgerechnet. Alternativ wird das Live Foto endlos vorwärts und rückwärts abgespielt. Sehr clever: Die drei Sekunden lange Filmsequenz kann für die Erstellung eines statischen Bildes umgerechnet werden, auf dem fliessendes Wasser seidenglatt wirkt – das erreicht man mit normalen Kameras nur mit einer Langzeitbelichtung und einem Stativ. Damit schafft es eine weitere Funktion, die bis anhin den grossen Kameras vorbehalten war, ins iPhone – und verbessert die Bilder jener, die sich nicht Tag und Nacht um die Fotografie kümmern.

HEIF. Die Abkürzung steht für High Efficiency Image File Format und wird nur auf dem iPhone 7 und iPhone 7 Plus verfügbar sein. Dabei soll die Dateigrösse der Fotos im Vergleich zu JPEG deutlich reduziert werden, ohne dass die Qualität leidet. Apple verspricht eine nahtlose Weitergabe der Dateien, indem sie bei Bedarf zuerst konvertiert werden.

Apple Pay. Das wird spannend! Apple Pay kann in Zukunft verwendet werden, um Freunden und Familien Geld zu überweisen, zum Beispiel über die «Nachrichten»-App. Das Guthaben wir im neuen Apple Pay Cash-Konto gespeichert und von dort aus verjubelt oder auf ein Bankkonto übertragen.

Unter Freunden bezahlt man schnell mit Apple Pay Unter Freunden bezahlt man schnell mit Apple Pay © Apple, Inc.

Ungestört Autofahren. Die optionale Funktion «Nicht stören» sorgt für mehr Sicherheit im Strassenverkehr. Das iPhone erkennt aufgrund verschiedener Faktoren, wenn die Person im Auto fährt (GPS, Bluetooth-Verbindung zum Radio, Beschleunigung etc.). Während der Fahrt werden alle Benachrichtigungen deaktiviert. Kontakte in den Favoriten werden bei einem Anruf automatisch informiert, dass gerade gefahren wird und man sich bei der nächsten Gelegenheit zurückmeldet.

App Store. Der komplett neu gestaltete App Store wirkt frischer und übersichtlicher.

Kontrollzentrum. Das überarbeitete Kontrollzentrum erlaubt Anpassungen und den schnellen Zugriff auf die wichtigsten Funktionen. Damit wird eine Lücke zu Android geschlossen.

Das Kontrollzentrum unter iOS 11 lässt sich anpassen Das Kontrollzentrum unter iOS 11 lässt sich anpassen © Apple, Inc.

Karten. Die Karten-App erlaubt auf ausgewählten Flughafen und Einkaufszentren die Navigation im Gebäude.

Verfügbarkeit und Beta

iOS 11 wird erfahrungsgemäss im Herbst zusammen mit dem nächsten iPhone veröffentlicht. Neugierige und Ungeduldige können jedoch die «Public Beta» ausprobieren, die noch im Juni veröffentlicht wird. Die Anmeldung erfolgt auf dieser Seite.

Nächste Seite: Neue iPad Pro

Das neue iPad Pro

Die beiden iPad-Pro-Modelle erhalten eine Auffrischung. Die kommt allerdings ohne Not, denn bereits vom aktuellen iPad Pro sehen die Mitbewerber nicht einmal mehr den Auspuff. Beide Geräte werden von Apples neuem A10X Fusion Chip angetrieben. Laut Apple erlauben die 6-Core-CPU und die 12-Core-Grafikeinheit eine ganztägige Batterielaufzeit. Die CPU-Leistung wurde im Vergleich zum Vorgänger um 30 Prozent erhöht, die Grafikeinheit ist um ganze 40 Prozent schneller geworden.

Display. Bereits das Retina Display der Vorgänger sah atemberaubend aus. Jetzt will Apple mit Tempo punkten. Die neue ProMotion-Technologie ermöglicht Bildwiederholraten von bis zu 120 Hz, sodass endlich flüssiges Scrollen beim Surfen oder in der Textverarbeitung möglich ist.

iOS-Funktion nur für das iPad

Apple gibt sich seit jeher grosse Mühe, das iPad Pro als Notebook-Ersatz anzupreisen – mit mehr oder weniger grossem Erfolg. Einige Funktionen von iOS 11 sollen dem Vorhaben neuen Schub verleihen.

Besseres Multitasking. Erlaubt ein besseres Umschalten zwischen den Apps. Das neue Dock erinnert an macOS. Eine dort abgelegte App kann direkt mit Drag&Drop an die gewünschte Stelle auf dem Display gezogen werden und funktioniert parallel weiter.

Multitasking auf dem neuen iPad Pro Multitasking auf dem neuen iPad Pro © Apple, Inc.

Drag&Drop. Apropos: Das Drag&Drop auf dem iPad Pro schlägt sogar das, was wir vom Mac oder PC kennen. Mehrere Informationsfetzen werden mit zwei Händen zu einem Stapel zusammengefasst und in die gewünschte App verschoben.

Dateien-App. Die lauteste Kritik dreht sich meistens um das unzugängliche Dateisystem – und diese Beschwerden sind fast so alt wie das erste iPad. Die neue App Dateien erlaubt endlich den schnellen Zugrif auf alles, was lokal oder in einer Cloud gespeichert ist – und damit ist längst nicht nur iCloud gemeint.

Die App «Dateien» soll den iOS-Geräten endlich ein vernünftiges Dateisystem beibringen Die App «Dateien» soll den iOS-Geräten endlich ein vernünftiges Dateisystem beibringen © Apple, Inc.

Pencil-Integration. Apples Stift mit dem sinnigen Namen Pencil ist jetzt tiefer ins System integriert und vielfältiger einsetzbar – vor allem was Notizen, Anmerkungen, Skizzen und Unterschriften anbelangt. Neigung und Druck werden besser und schneller erkannt.

Der «Pencil» ist nun deutlich besser in das System integriert, inklusive Handschrifterkennung Der «Pencil» ist nun deutlich besser in das System integriert, inklusive Handschrifterkennung © Apple, Inc.

Apples neue Lieblings-App, um die Möglichkeiten des iPad Pro zusammen mit dem Pencil zu zeigen, heisst übrigens Affinity Photo und kommt von Serif. Die Mac-Version wirbelt bereits seit einigen Monaten viel Staub auf und wird zurzeit als beste Alternative zu Photoshop gehandelt. Hier ein ziemlich beeindruckendes Promo-Video der brandneuen iPad-Version:

Grösse, Preise, Verfügbarkeit

Das iPad Pro wird wie gehabt mit 12,9-Zoll-Display angeboten. Das kleinere 9,7-Zoll-Modell muss jedoch seinem Nachfolger mit 10,5 Zoll weichen. Da die Ränder verkleinert wurden, ist das Gerät fast gleich gross. Die Abweichungen reichen jedoch, dass das alte Tastatur-Cover oder andere Abdeckung nicht mehr passen.

Im Vollausbau werden happige 512 GB Flash-Speicher geboten. Das wird unter anderem Regisseure und Profifotografen freuen, die das Rohmaterial bereits unterwegs in grossen Mengen sichern und sichten möchten.

Die Preise für das 12,9-Zoll-Gerät schwanken je nach Speicher und Ausstattung (Wi-Fi oder mit zusätzlicher SIM-Karte) zwischen 899 Franken und 1379 Franken. Für das kleinere 10,5-Zoll-Modell werden zwischen 749 Franken und 1229 Franken fällig. Alle Modelle können ab sofort bestellt werden, die Auslieferung startet nächste Woche. Hier geht es zur Produktseite.

Nächste Seite: HomePod, der kluge Lautsprecher

HomePod

Es war nur eine Frage der Zeit: Durch den Druck, den die beiden intelligenten Lautsprecher Google Home und Amazon Alexa aufgebaut haben, musste Apple eine ähnliche Lösung zeigen. Der HomePod soll Paroli bieten. Wie die beiden grossen Konkurrenten lässt er sich über eine digitale Agentin steuern, in diesem Fall natürlich Siri.

Der Schwerpunkt liegt jedoch nicht bei einem allumfassenden Assistenten, sondern vor allem auf der Musikwiedergabe. So soll der Ton sehr viel besser klingen als bei der Konkurrenz. Der Lautsprecher erfasst dabei den Aufbau des Raums und seine eigene Position, um die Wiedergabe zu verbessern. Dabei helfen ein Basslautsprecher und sieben Hochtöner, die von Apple selbst entwickelt wurden.

Der HomePod ist die unausweichliche Antwort auf Google Home und Amazon Alexa Der HomePod ist die unausweichliche Antwort auf Google Home und Amazon Alexa © Apple, Inc.

Allerdings sieht es so aus, dass sich Apple mit dem HomePod auf den eigenen Dienst Apple Music versteift. Ob und wie sich andere Dienste wie Spotify einbinden lassen, ist zurzeit noch unklar. Als ziemlich sicher gilt hingegen, dass beliebige Audio-Inhalte über das neue AirPlay-2-Protokoll abgespielt werden können. Ansonsten eilt das Thema eilt nicht: Der HomePod wird erst ab Dezember in den USA zu einem Preis für 349 US-Dollar angeboten. Mit am Start sind auch Grossbritannien und Australien. Wann der Rest der Welt zum Handkuss kommt, steht in den Sternen.

Nächste Seite: neue iMacs

Neue iMacs

Endlich bewegt sich etwas bei der Mac-Hardware! Die neuen iMacs arbeiten mit Intels Kaby-Lake-Architektur, die doppelt so viel Arbeitsspeicher unterstützt wie die Vorgängergeneration. Der Fusion Drive, eine Symbiose zwischen SSD und Festplatte, gehört nun bei allen Modellen zur Standardbestückung. Die reinen SSDs sollen bis zu 50 Prozent schneller sein als jene in den alten Modellen.

Schön wie immer, jetzt aber schneller und heller: die neuen iMacs Schön wie immer, jetzt aber schneller und heller: die neuen iMacs © Apple, Inc.

Neben vier klassischen USB-A-Anschlüssen werden zwei Thunderbolt-3-Schnittstellen verbaut, die mit USB-C kompatibel sind. Die Grafik wurde bei allen Geräten wesentlich verbessert, bis hin zur Radeon-Pro-500-Serie mit bis zu 8 GB vRAM. Das Display leuchtet mit kräftigen 500 Nits und ist 43 Prozent heller als beim Vorgänger.

Die Preise beim attraktiveren 27-Zoll-Modell mit 5K-Display beginnen bei 1999 Franken. Der Vollausbau mit den besten Zutaten schlägt mit maximal 5899 Franken aufs Budget. Bestellt werden kann sofort, die Auslieferung startet nächste Woche.

iMac Pro

Brandneu ist hingegen der iMac Pro, der den alten Mac Pro im Schirmständerdesign ablöst. Das Kraftpaket wird in der Farbe Space Grau angeboten, um sich von den anderen iMacs abzugrenzen. Davon abgesehen ist die Form nahezu dieselbe.

Düstere Aussichten: Den iMac Pro sieht Apple vor allem bei den Erstellern von VR-Inhalten Düstere Aussichten: Den iMac Pro sieht Apple vor allem bei den Erstellern von VR-Inhalten © Apple, Inc.

Die Auslieferung erfolgt im Dezember, der Preis für das «kleinste» Modell liegt bei 4999 US-Dollar. Nur der Himmel und Apple wissen, was der Vollausbau kosten wird. Denn im besten Fall sind 18-Core-Prozessoren verbaut und die GPU liefert 22 Teraflops. Der RAM lässt sich auf bis zu 128 GB ausbauen, das SSD auf bis zu 4 TB.

Das Innenleben wurde komplett neu entworfen, um das Problem mit der Wärmeentwicklung zu lösen Das Innenleben wurde komplett neu entworfen, um das Problem mit der Wärmeentwicklung zu lösen © Apple, Inc.

Laut Apple können über die vier Thunderbolt-3-Ports bis zu zwei Hochleistungs-RAID-Arrays und zwei 5K-Displays gleichzeitig angeschlossen werden. Als erster Mac überhaupt wird der iMac Pro über 10-Gigabit-Ethernet mit dem Netz verbunden.

Apple sieht die Käufer nicht nur bei Grafikern und Videoproduzenten, sondern vor allem auch bei der Erstellung von Virtual-Reality-Inhalten. Mehr zu diesen faszinierenden Aussichten finden Sie unter der Adresse apple.com/imac-pro.