AMD Ryzen erklärt: Das müssen Sie wissen

Acht Kerne für unter 400 Franken: AMDs neue Power-Chips fordern Intel in unserem Test ganz schön heraus. Worauf Sie beim Kauf von Ryzen-Systemen achten müssen.

von Simon Gröflin 06.04.2017

Nach gefühlt einem Jahr ist AMD tatsächlich wieder einmal präsent mit einer neuen Prozessorserie namens AMD Ryzen, die sogar Intel beim Preis-Leistungs-Verhältnis das Wasser reicht. Die Serie setzt gleichzeitig auf eine komplett neue Motherboard-Plattform. PCtipp hat sich AMDs neue Power-Prozessoren genauer angeschaut. Das müssen Sie beim Kauf der CPUs, aber auch beim Kauf von Fertig-PCs wissen.

Welche Ryzen-Prozessoren sind erhältlich?

Die AMD-Familie ist in drei Bereiche aufgesplittet. Die Top-Anwärter der Ryzen-7-Familie sind bereits gelauncht und seit einigen Tagen auch mehr oder weniger gut im Handel verfügbar, z.B. bei Digitec. Kennzeichnend für Ryzen 7 sind Achtkerner mit 16 Threads, und das zu einem Preis von unter 600 Franken! Das muss man sich zuerst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Die Intel-Extreme-CPU mit acht Kernen für Workstation- und Gaming-Anwender kostet gegen 1000 Franken. Neben dem schnellsten Ryzen-Prozessor i7 1800X (mit 3,6 GHz) gibt es für die Mittelklasse noch einen Ryzen 7 1700X mit 3,2 GHz im Basistakt für ca. 549 Franken und einen Ryzen 7 1700 (3 GHz Basistakt) für 403 Franken.

Ryzen-CPU auf dem Sockel eines Asus-Motherboards (Crosshair VI Hero) Ryzen-CPU auf dem Sockel eines Asus-Motherboards (Crosshair VI Hero) © sgr / PCtipp

Am 11. April wird ausserdem die erschwinglichere Ryzen-5-Serie an den Start gehen. Bei dem Ryzen 5 1600 X handelt es sich um einen 300-fränkigen Sechskerner mit einem Boost-Takt von bis zu 4 GHz (gleich wie beim Ryzen 7 1800X). Weitere CPUs des kommenden Ryzen-5er-Line-up umfassen Vierkernvarianten. Es gibt da beispielsweise noch einen Ryzen 5 1400 ab 3,2 GHz und einem Kostenpunkt von weniger als 200 Franken.

Ist Ryzen nun besser als Intel?

Der R7-1800X liegt jedenfalls auf Augenhöhe mit dem schnellsten Kaby-Lake-Prozessor (7-7700K). Den Broadwell-E mit zehn Kernen hatten wir gerade nicht zu Testzwecken zur Verfügung, haben aber mit dem extremen Vorgänger verglichen, dem i7-5960X (mit acht Kernen), für den man noch immer rund 1000 Franken hinblättert. Getestet haben wir mit aktuellen Asus-ROG-Motherboards der jeweiligen Chipsätze (bei Ryzen mit dem ROG VI Crosshair Hero) und je 16 GB DDR4-RAM mit 2133 bis 3000 MHz. Bei der Grafikkarte kam eine Nvidia GeForce GTX 1080 der ROG-Strix-Serie von Asus zum Einsatz.

AMDs R7 1800X und R7 1700X sind bezüglich Preis und Leistung eine scharfe Konkurrenz für Intel AMDs R7 1800X und R7 1700X sind bezüglich Preis und Leistung eine scharfe Konkurrenz für Intel

Neu bei Ryzen 7 ist ein Boost-System namens «Extended Frequency Range» – kurz: XFR. Der erweiterte Turbo kann dabei automatisch das Kühlsystem der CPU erkennen und je nach Kühlleistung (z.B. bei einem Wasserkühlblock) hochtakten. Zunutze machen sich diesen Vorteil vor allem AMD-Chips mit dem X-Suffix am Schluss, die in der XFR-Leistung pro Kern um 100 MHz zulegen können.

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Das Duell

Unter dem Strich schenken sich die beiden Konsorten nichts. Der R7 1800X schlägt sich vor allem sehr gut gegen den teuren i7-5960X von Intel. Im Benchmark-Programm PCMark 8 lag der i7-5960X mit acht Kernen bei 4201 Punkten, der R7 1800X bei 4172 Punkten (der R7 1700X bei 4013 Punkten). Was hier übrigens auch noch dazukommt, ist die thermale Verlustleistung (TDP), die beim R7 1800X nur bei 95 Watt TDP liegt (gegenüber 140 Watt beim i7-5960X).

Im PC Mark 8 schenkten sich Intel und AMD fast nichts im Vergleich Im PC Mark 8 schenkten sich Intel und AMD fast nichts im Vergleich © Screenshot / NMGZ

In VRMark Orange zeigte sich ein leicht anderes Bild. Dort hinkten die AMD-Chips den Intel-Plattformen mit rund 9000 gegenüber 11'200 Punkten ein wenig hinterher. Dies ist aber immer noch eine Top-Leistung. Nur im Cinebench R15 legten die Intel-Chips i7-7700K und i7-5960 bei aktiviertem Multithreading deutlich mehr zu als AMD. Hier lagen der R7 1800X und der R7 1700X gegenüber den Intel-Systemen mit nahezu 60 Frames im Rückstand.

Im Cinebench R15 liess Intel AMD hinter sich (bei beiden Prozessoren war Multithreading aktiviert) Im Cinebench R15 liess Intel AMD hinter sich (bei beiden Prozessoren war Multithreading aktiviert) © Screenshot / PCtipp

Kurz: In nahezu allen Benchmarks liefern sich die neuen Chips von AMD praktisch ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den schnellen Intel-Gesellen. Der R7 1800X (aber auch der R7 1700X) kann es locker mit dem Workstation-Prozessor von Intel aufnehmen. Dabei mausert sich vor allem der i7 1700X beim Stromverbrauch zu einem interessanten Budget-Kandidaten für Profi-Anwender oder Gamer. Dieser ist nicht mal viel langsamer als der 1800X und würde sich sogar auf über 4 GHz übertakten lassen. Wir haben diesen auch mit schnellem 3000-MHz-DDR4-RAM von Corsair getestet. In den Spielen bemerken wir keine Unterschiede. Flüssige Bildraten von über 60 Bildern pro Sekunde werden genauso erreicht wie mit den Intel-Prozessoren. Überhaupt spielt die Grafikkarte seit einigen Jahren eine grössere Rolle als das letzte Quäntchen eines High-End-Prozessors. Nur beim schnellen Multithreading hat die AMD-CPU ein wenig das Nachsehen.

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Wie installiert man AMD-Ryzen-Prozessoren?

Wenn Sie sich selber einen Rechner bauen möchten, werden Sie ein neues Motherboard benötigen. Ausserdem werden Sie auf DDR4-RAM-Speicher angewiesen sein, der sich derzeit massiv verteuert. AMD führt mit Ryzen gleichzeitig einen neuen Sockel (AM4) ein, der neue Motherboard-Befestigungen für vorhandene CPU-Kühler benötigt. Aufrüstsets sind aber unterwegs und AMD liefert bald die ersten Ryzen-Neuankömmlinge mit eigenen Kühlern aus. In unserem Test mit Ryzen 1700X und 1800X (jeweils mit acht Kernen) war der Einbau mit dem «Pure Rock» von «be quiet!» beispielsweise sehr einfach.

AM4-System: Verstrebungsbalken mit zwei Halterungsschlaufen AM4-System: Verstrebungsbalken mit zwei Halterungsschlaufen © sgr / PCtipp

Ist die CPU einmal eingelegt, kommt ein kleiner «Verstrebungsbalken» zur Anwendung, der sich links und rechts in zwei Schlaufen des CPU-Sockels einrasten muss. That's it. Einzig wichtig bei diesem System: Man sollte die beiden «Greifhaken» am Befestigungsbalken vorher nicht zu fest anziehen und erst danach gut festschrauben. Vor der Montage des Kühlers kommt noch ein Tupfen Wärmeleitpaste auf den Chip, sofern die Kühlfront nicht bereits mit einer Schicht beschmiert ist. Meist muss man dazu nur eine Schutzfolie lösen. Bei unserem Pure Rock war schon ein Wärmeleitpad am Kühler angebracht.

Halterungs-Bracket des Pure Rock von be quiet! für den AM4-Kühlblock Halterungs-Bracket des Pure Rock von be quiet! für den AM4-Kühlblock © sgr / PCtipp

Kann ich von einer früheren AMD-Plattform aufrüsten?

Was die Motherboards anbelangt, können Sie kein älteres Board mehr von AMD verwenden. Die neuen Bretter setzen auf den neuen AM4-Sockel. Ryzen-Boards halten aber Schritt mit den neusten Intel-Errungenschaften. Dazu zählen die Unterstützung für USB 3.1 (10 Gbit/s), PCI Express 3.0, NVM-Express-SSDs etc. Sie brauchen allerdings einen neuen CPU-Kühler – die von den AM3-Boards gehen nicht mehr. Manche Hersteller schicken auf Anfrage Halterungsklammern für die neuen Prozessoren nach. Aber wieso nicht gleich von Grund auf einen neuen Kühler kaufen? Schauen Sie am besten bei den Onlinehändlern im hinterlegten Zubehör der Prozessoren nach, um schneller zu einer passenden Kühllösung zu finden.

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Gibt es schon Komplett-PCs mit Ryzen?

Ja. Medion scheint bis jetzt der erste Gaming-PC-Hersteller zu sein, der an das gute Preis-Leistungs-Verhältnis von AMD Ryzen glaubt. Diese Partnerschaft ist natürlich auch für den Chip-Hersteller enorm wichtig. Onlinehändler Digitec hat erst vor ein paar Tagen die ersten Komplett-PCs aufgenommen (Preisrahmen: 1000 bis 2500 Franken). Bei Digitec befinden sich in der Assembling-Abteilung erst drei eigene Gaming-PCs in der Prototypphase, wie man uns auf Anfrage wissen liess. Man sei gespannt, wie die Systeme dann bei den Kunden ankommen, sobald die PCs online sind.

Medion hat erste Komplett-Rechner mit AMD Ryzen im Angebot Medion hat erste Komplett-Rechner mit AMD Ryzen im Angebot

Kann ich AMD Ryzen übertakten?

Ryzen bietet sich aufgrund der niedrigen TDP sehr wohl zum Überakten an – wir empfehlen dieses «Prozessor-Gekitzele» eher Fortgeschrittenen. Es hängt von Ihrem Motherboard und der Kühlung ab. Alle Ryzen-Chips kommen stets mit einem freigeschalteten Multiplikator. (Bei Intel ist das immer nur dann der Fall, wenn ein -K dahinter steht.) Der Multiplikator bestimmt dabei die Taktfrequenz des Prozessors. Wichtig ist hier vor allem die Kühlung. Man sollte dabei schrittweise Profile anlegen und die Temperaturen gut überwachen. Wenn die Temperatur manchmal schon im regulären Betrieb bei über 55 bis 60 Grad liegt, denken Sie besser über eine andere Kühllösung nach. Ein gutes Board wäre hier zum Beispiel das Asus Crosshair VI Hero, das es für 279 Franken bei digitec.ch gibt.

Das Asus ROG Crosshair VI Hero für AMD Ryzen bietet sich für Übertakter an Das Asus ROG Crosshair VI Hero für AMD Ryzen bietet sich für Übertakter an © sgr / PCtipp

Welche Betriebssysteme unterstützt AMD Ryzen?

Windows 10 ist das einzige Microsoft-Betriebssystem, das Ryzen unterstützt. Sie können es auch mit Windows 7 oder Windows 8 probieren, aber Sie werden keine technischen Updates erhalten. Es wird auch keine offiziellen Ryzen-Treiber für Windows 7 geben. Windows-Nutzer werden künftig keine Wahl mehr haben: Sämtliche neuen Prozessoren sowie alle Folgemodelle von Intel und AMD sollen nur noch Microsofts aktuelles Betriebssystem Windows 10 unterstützen.

Tipps

Bei Inbetriebnahme von AMD Ryzen empfehlen wir eine saubere Neuinstallation eines Windows-10-Betriebssystems. PCWorld meint, man solle allenfalls noch im BIOS das simultane Multithreading von AMD deaktivieren (SMT). Offenbar hat sich AMD selber einmal dazu geäussert und Performance-Hungrigen diesen Tipp nahegelegt, um der CPU noch ein wenig mehr Power zu entlocken. Vielleicht erklärt das auch, warum der AMD-Prozessor im Cinebench-Test bei uns nicht so gut abgeschnitten hat. Eventuell sollten Sie vor Erstinbetriebnahme auch das BIOS des Motherboards aktualisieren. Letzteres ist aber nicht unbedingt Pflicht.