Retro-Alarm: Der C64 Mini im Test

Jetzt, 35 Jahre später, kommt der Brotkasten in einer Mini-Auflage zurück.

von Simon Gröflin 09.04.2018

Der Commodore 64 war Mitte bis Ende der 1980er-Jahre sowohl als Spielerechner als auch als Heimcomputer zur Software-Entwicklung sehr beliebt. In der Geschichte der Computer gilt er als der meistverkaufte Heimcomputer überhaupt. Nun, 35 Jahre später, kommt der C64er, oder «Brotkasten», wie er umgangssprachlich auch genannt wird, als überarbeitete Neuauflage zurück. Dabei handelt es sich ausschliesslich um einen lizenzierten Nachbau von der Retro Games Ltd. Die Kultmaschine kommt aber diesmal nicht nur mit 64 KB RAM aus. Disketten respektive Datasetten sind dank moderner Errungenschaften der immer kleiner werdenden Elektronik-Boards natürlich auch nicht mehr vonnöten.

Der Lieferumfang Der Lieferumfang © sgr / nmgz

Keine echten Tasten

Der Nachbau misst mit Massen von 25 × 5 × 20 cm weniger als die Hälfte des Originals und ist mit einem Paketgewicht von 372 Gramm etwa so leicht wie ein Luftkissen. Modernisiert wurden aber auch die Anschlüsse. Nebst zweier USB-Ports für die nostalgischen Joysticks gibt es einen HDMI- für den Fernseher der Neuzeit und anstelle eines schweren Netzteils einen Micro-USB-Anschluss. Strom gelangt über ein USB-Kabel vom Fernseher oder über ein stinknormales Smartphone-USB-Netzteil zu dem Mini-Konsolero. Die Tasten des Brotkästchens sind nicht funktional. Eine gewöhnliche USB-Tastatur liesse sich jedoch auch anschliessen, wenn man beispielsweise die Basic-Programmiersprache wieder einmal ein wenig üben möchte. Ja, sogar dafür befindet sich ein Programm auf der Minikiste. Grosso modo ist der C64 Mini in der revidierten Neuauflage eher als Spielkonsole und nicht als Mini-Computer ausgelegt. Denn es sind 64 Spiele vorinstalliert! 

Video von Koch Media zur Produktion des C64 Mini: 

Lieferumfang

Wie bei dem NES Mini liegt auch beim C64 Mini kein Netzteil bei. Im Lieferumfang enthalten sind aber nebst der Haupteinheit ein HDMI-Kabel und ein Micro-USB-Kabel sowie die Bedienungsanleitung. Die Joysticks, die uns leider nicht ganz überzeugen, können auch ganz einfach über ein USB-Verlängerungskabel angeschlossen werden. Verwendet man nur die mitgegebenen Signalkabel, muss man sehr nahe an den TV rücken. Viel anders war das auch bei den beiden Nintendo-Winzlingen nicht. 

USB: So muss das sein USB: So muss das sein © sgr / nmgz

Ausstattung

Der Nachbau der Tastatur ist sehr gelungen. Damit meinen wir auch den etwas nerdigen Schalter, den man auf der rechten Seite länger gedrückt hält, um die Konsole hoch- und wieder herunterzufahren. Ich erinnere mich als Achtzigerkind nicht mehr ganz an die Farbe des Originalgerätes. Der Brotkasten war auf jeden Fall schon zu meiner Primarschulzeit, als ich hie und da auf dem Heimweg einen Abstecher zu meinen Schulfreunden gemacht habe, nicht sehr weiss. Kennzeichnend war wohl schon damals der dunkel-beige Teint, den man gar nicht durch jahrelangen Nikotinzufuhr erreichen musste. Daher ist wohl alles sehr authentisch.

HDMI für die Neuzeit HDMI für die Neuzeit © sgr / nmgz

Ungenaue Steuerung

Optisch gefällt uns zwar der Joystick mit den grossen Feuertasten für Links- und Rechtshänder. Die Kunststofftasten sind aber nicht mit mechanischen Schaltern versehen. Wir können damit schlichtweg nicht in allen Spielen optimale Bewegungen durchführen, weil die Kollisionsabfrage des Steuerknüppels nicht sehr genau reagiert. Das nervt vor allem bei Jump-Bewegungen. Geht gar nicht! 

Schön, aber ungenau ist der mitgelieferte C64-Mini-Joystick Schön, aber ungenau ist der mitgelieferte C64-Mini-Joystick © sgr / nmgz

Ob da der Hersteller auf unsere Kritik hört und etwas Besseres nachliefert? Letzten Endes hängt es auch ein wenig davon ab, was man spielt. Jump-Spiele können jedenfalls zu starken Muskelkrämpfen führen. Vielleicht nutzt man bei diesen Spielen den Controller auch mehr ab als bei horizontalen Space Shootern. 

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Spielbetrieb

Startet man den C64 Mini, kann man gleich loslegen. Das Durchstöbern der Spielebibliothek geht sehr flink. Wie beim NES Mini bewegt man sich mit dem Joystick horizontal durch das Spielesortiment. Und das haben sie wirklich schön gemacht. Klar, mit ein wenig Aufwand lässt sich so etwas auch mit einem Raspberry Pi nachbauen. Aber wer schon einmal ein Media Center oder eine Arcade-Maschine mit einem Emulator-Front-End eingerichtet hat, kann von dem riesigen Konfigurationsaufwand ein Liedchen singen. Denn: Alte Spielecomputer für den Sofa-Komfort zu emulieren ist so eine Sache. Man muss dann schon ziemlich genau wissen, welche Tasten für welches Spiel einbezogen werden. Diesen ganzen Konfigurationsaufwand hat man hier nicht. Mehr noch: Stattdessen wird beim Anwählen auch die Steuerung jedes Klassikers mit viel Liebe erklärt. 

Brot und Spiele Brot und Spiele © sgr / nmgz

Bildsignal

Die Spiele werden in 720p ausgegeben, wenn man die Konsole zum ersten Mal startet. Was uns auch gefällt: Nebst der Wiederholrate von 60 Bildern pro Sekunde stehen zahlreiche Scanline Modes zur Wahl, um die alten Spiele authentisch aussehen zu lassen. Die leichte Verzögerung bei der Steuerung ist wohl auch auf das USB-Signal der Konsole zurückzuführen. Ansonsten hebt sich der C64 Mini doch in einigen Punkten ab von den Nintendo-Mini-Varianten.

Irgendwie süss: der Mini-Brotkasten Irgendwie süss: der Mini-Brotkasten © sgr / nmgz

So verspricht der Hersteller sogar, ein Firmware-Update nachzuliefern, um weitere Spiele in den Speicher laden zu können. Dieses Feature ist zwar noch nicht hier, weswegen wir das nicht in die Bewertung einfliessen lassen können. Doch alleine die Spielauswahl der mehr oder weniger bekannten Klassiker ist sehr vielseitig.

Installierte Spiele

Hier die komplette Liste: 

AlleyKat, Anarchy, Armalyte: Competition Edition, Avenger, Battle Valley, Bounder, California Games, Chip's Challenge, Confuzion, Cosmic Causeway: Trailblazer II, Creatures, Cyberdyne Warrior, Cybernoid II: The Revenge, Cybernoid: The Fighting Machine, Deflektor, Everyone's A Wally, Firelord, Gribbly's Day Out, Hawkeye, Heartland, Herobotix, Highway Encounter, Hunter's Moon, Hysteria, Impossible Mission, Impossible Mission II, Insects In Space, Mega-Apocalypse, Mission A.D, Monty Mole, Monty on the Run, Nebulus, Netherworld, Nobby the Aardvark, Nodes Of Yesod, Paradroid, Pitstop II, Rana Rama, Robin Of The Wood, Rubicon, Skate Crazy, Skool Daze, Slayer, Snare, Speedball, Speedball II: Brutal Deluxe, Spindizzy, Star Paws, Steel, Stormlord, Street Sports Baseball, Summer Games II, Super Cycle, Temple of Apshai Trilogy, The Arc Of Yesod, Thing Bounces Back, Thing on a Spring, Trailblazer, Uchi Mata, Uridium, Who Dares Wins II, Winter Games, World Games, Zynaps.

Fazit

Der C64 Mini ist eine hübsche Bereicherung für Sammler, denen einfach der Zugang zum C64 fehlt und gerne wieder einmal einige Klassiker zwischendurch spielen möchten. Natürlich lässt sich das auch mit einer Bastelplatine wie dem Raspberry Pi nachbauen, denn 100 Franken sind nicht gerade wenig. Dafür gibt es ein schönes Retrogehäuse. Wirklich schade aber ist, dass der Bedienkomfort des Joysticks nicht ganz überzeugt. Das hat man bei anderen Mini-Konsolen viel besser hingekriegt. 

Den C64 Mini gibts noch zu geringen Stückzahlen bei einigen Händlern. World of Games (wog.ch) sagt etwa auf Anfrage, dass nur noch wenige Exemplare angeboten werden können, jedoch im Sommer möglicherweise mit einer Nachproduktion zu rechnen sei. Wann genau, ist aber noch nicht bekannt.

C64 Mini

Positiv:
Inhalte, Menü, Erklärungen, Design der Konsole
Negativ:
Ungenauer Joystick
Details:
C64 Mini, Joystick, HDMI-Kabel, Micro-USB-Spracher, Bedienungsanleitung, Anschlüsse: microUSB- und HDMI-Port, Speicher: 256 MB, RAM: 256 MB, Abmessungen: 25 x 5 x 20 cm, Gewicht: 372 g
Strassenpreis:
Fr. 99.90
Info:
kochmedia.com
PCtipp-Bewertung:
4 Sterne

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